Geldpolitik und Finanzkrise
Negative Leitzinsen – das Undenkbare denken

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Alternativ könne auch eine Art Bargeld-Steuer eingeführt werden. Gültig wären dann nur Geldscheine, auf denen regelmäßig gekennzeichnet wurde, dass der jeweilige Besitzer ordnungsgemäß seine negativen Zinsen bezahlt hätte.

Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon der deutsche Ökonom Silvio Gesell (1862 bis 1930) hatte den Gedanken von „gestempeltem Geld“ entwickelt, das im Laufe der Zeit an Wert verliert. So wollte Gesell verhindern, dass Geld als Wertaufbewahrungsmittel dient. Wer sein Geld zu Hause horte, könne es nicht ausgeben und lähme die Wirtschaft, schrieb Gesell. Würde man den Besitz von Scheinen und Münzen dagegen regelmäßig mit einer Gebühr belegen, würde jeder sein Geld schnell wieder loswerden wollen.

Die wichtigen Notenbanken der Welt wollen von solchen Experimenten allerdings nichts wissen. Sie versuchen derzeit, die Wirtschaft über andere Wege mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen, um Preisverfall und Abschwung zu stoppen: In Großbritannien, Japan und den USA kaufen die Notenbanken im großen Stil Wertpapiere auf, zum Beispiel Staats- und Unternehmensanleihen. Sie bezahlen mit neuem Geld, das sie selbst schaffen. Dadurch steigt die Geldmenge in der Wirtschaft.

Volkswirte nennen die Strategie „quantitative Lockerung“. Nach Berechnungen von Fed-Ökonomen müsste die Notenbank dieses Vorgehen aber massiv ausweiten, um den gleichen Effekt zu erreichen wie ein Leitzins von minus fünf Prozent.

Buiter und Mankiw halten die quantitative Lockerung für riskant. Schließlich sei völlig unklar, wie diese Politik wirke. „Wir wissen so gut wie nichts über die Folgen der Maßnahmen, die die Zentralbanken derzeit ergreifen“, schreibt Buiter. Dagegen sei die Wirkung von Zinssenkungen ausreichend bekannt, auch bei Minuszinsen sähen diese nicht anders aus.

Allerdings ist in der Fachwelt die Skepsis groß. Theoretisch klinge der Vorschlag ja gut, praktisch sei er aber kaum umzusetzen, sagt der Geldpolitik-Experte Gerhard Illing von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. „Wer wirksam verhindern will, dass die Menschen im großen Stil Bargeld einlagern, müsste das für alle Währungen gleichzeitig machen.“ Würden nur die USA eine Stempelpflicht einführen, würden die Menschen alles in Bargeld aus dem Ausland umtauschen, so Illing.

Willi Semmler, Professor an der New School of Social Research in New York, stört an der Idee, dass die Zentralbanken dann mehr Geld verleihen würden, als sie zurückbekämen. Dann sei es sinnvoller, mit dem gleichen Betrag direkt Investitionen zu subventionieren oder Haushalte mit geringem Einkommen zu unterstützen, so Semmler.

„Negative Leitzinsen bedeuten eine offene Subventionierung für die Banken durch die Zentralbank“, sagt auch Martin Klein, Professor an der Universität Halle-Wittenberg. Solch eine offensichtliche Umverteilung zugunsten der Banken würde in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen.

Was für ein heißes Eisen er mit seinem Negativzins-Vorschlag angefasst hatte, merkte Harvard-Ökonom Mankiw hautnah. „Ich habe so viele Hass-E-Mails bekommen wie bei keinem anderen Thema“, schreibt er in seinem Weblog. Mehrere Leute hätten sogar bei der Harvard-Präsidentin Drew Faust seinen Rausschmiss gefordert. Die entgegnete den Kritikern: Für das Äußern kontroverser Ideen würde kein Professor gefeuert. „Ein Luxus“, kommentiert Mankiw, „den Notenbanker nicht genießen.“

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