Geschichte eines Wirtschaftsklassikers
Der Keynes-Versteher

Als sich niemand mehr für Keynes interessierte, hat der Ökonom Jürgen Kromphardt das Hauptwerk des Briten neu übersetzt. Dann kam die Krise und machte das Buch zum Bestseller. Jetzt arbeitet Kromphardt an einer neuen Auflage.
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BERLIN. Wie haben sie diesen Mann alle belächelt. Die Kollegen an der Fakultät und die im Sachverständigenrat, viele Journalisten und Politiker. Jürgen Kromphardt? Menschlich sehr nett, aber wissenschaftlich? Na ja, sie wissen schon. Kromphardt, das ist eben dieser Altkeynesianer. Ein Gewerkschaftsfreund. Ein "Fossil der Siebziger", spotteten die Zeitungen.

So sieht Jürgen Kromphardt, mittlerweile 75 Jahre alt, bis heute auch aus. Zum Treffen in seinem mit Büchern vollgestopften Büro in der Technischen Universität Berlin trägt er ein braunes Hemd, eine braun gestreifte Krawatte, ein braunes Sakko. Nur seine riesige Hornbrille, die jahrelang sein Markenzeichen war, die hat er inzwischen gegen ein modernes Metallgestell getauscht. Die Farbe, man ahnt es schon: braun.

2005 schien er vollends auf Abwege geraten zu sein. Ein Ruheständler, der einen aus der Zeit gefallenen Wirtschaftsklassiker neu übersetzen will: die "Allgemeine Theorie" von John Maynard Keynes. Ein schwer lesbares Buch, das damals nur noch Dogmenhistoriker interessierte.

Heute könnte Jürgen Kromphardt triumphieren. Könnte allen erzählen, dass er es doch immer gewusst hat. Keynes ist nicht tot, und er, Kromphardt, hat es immer gesagt. Die Weltwirtschaftskrise hat den Keynesianismus, den Glauben an Staatseingriffe in die Wirtschaft, über Nacht wieder salonfähig gemacht. Plötzlich legt sogar Angela Merkel Konjunkturprogramme auf. Alle reden wieder über Keynes, viele lesen ihn sogar. Die "Allgemeine Theorie" ist in ihrer von Kromphardt polierten Form plötzlich ein Bestseller, der Verlag Duncker & Humblot bereitet eine Neuauflage vor.

Doch Kromphardt nimmt seinen Triumph gelassen. "Es ist beruhigend zu sehen, dass man all die Jahre nicht völlig auf dem falschen Dampfer gesessen hat", sagt er. Mehr ist ihm über seinen späten Erfolg nicht zu entlocken.

Die "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" gilt als das einflussreichste Wirtschaftsbuch des 20. Jahrhunderts. Viele Ökonomen haben seine Tragweite verglichen mit Adam Smith' "Wohlstand der Nationen" und mit "Das Kapital" von Karl Marx.

Nachdem die "Allgemeine Theorie" 1936 erschienen war, gab es für angelsächsische Ökonomen fast zwei Jahrzehnte so gut wie kein anderes wissenschaftliches Thema mehr als die Interpretation und Weiterentwicklung der darin vorgestellten Theorie. Und für die Wirtschaftspolitik war das Buch revolutionär: Der Kapitalismus, so die wichtigste Botschaft von Keynes, ist per se instabil und unfähig, aus eigener Kraft Vollbeschäftigung zu schaffen. Mit einer aktiven Wirtschaftspolitik kann der Staat diese Schwäche aber in den Griff bekommen - etwa durch eine flexible Geldpolitik und schuldenfinanzierte Investitionsprogramme.

Als Jürgen Kromphardt in den 50er-Jahren Volkswirtschaftslehre studiert, ist der Keynesianismus die weltweit dominierende ökonomische Denkschule. In Kiel, Kromphardts Heimatstadt, lehrt damals der führende deutsche Keynesianer, Erich Schneider. "Die Leidenschaft, mit der er Makroökonomie lehrte", erzählt Kromphardt heute, "die hat mich begeistert."

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