Gewinnmaximierung
Die Mär vom rationalen Unternehmen

Theorie und Wirklichkeit klaffen in der Betriebswirtschaftslehre weit auseinander: Während in den Lehrbüchern als oberstes Ziel jeglicher marktwirtschaftlich orientierter Unternehmen Gewinnmaximierung angenommen wird, verfolgen Firmen de facto in aller Regel andere Ziele. Warum die Annahme Wunschdenken ist - und Milton Friedman irrte.
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DÜSSELDORF. Seit einem halben Jahrhundert zieht sich dieser Satz durch das wichtigste deutsche Lehrbuch für Betriebswirtswirtschaftslehre - in der ersten Auflage des "Wöhe" aus dem Jahr 1960 steht er fast genauso wie in der 24., die vor wenigen Wochen auf den Markt gekommen ist: "Der Betrieb im marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem kennt nur ein Ziel: die langfristige Gewinnmaximierung."

Doch die Wirklichkeit, sie sieht anders aus. Firmen imitieren oder bestrafen Konkurrenten, sie überschätzen Synergieeffekte von Fusionen oder halten zu lange an Strategien von gestern fest. Kurzum, sie machen alles Mögliche, aber sie maximieren nicht ihren Gewinn.

In den Lehrbüchern tauchen diese Widersprüche zwischen ökonomischem Idealzustand und Realität nicht auf. Und: Auch die allermeisten Forschungsarbeiten ignorierten bislang diesen Widerspruch, kritisiert der Verhaltensökonom Steffen Huck vom University College in London.

Wo Milton Friedman irrte

Dass einzelne Menschen in wirtschaftlichen Fragen längst nicht so rational und fehlerfrei handeln, wie es Ökonomen annehmen, haben zahlreiche Experimente und Feldstudien immer wieder gezeigt. Aber wer kann beweisen, dass Unternehmen als Organisationen rationaler agieren als einzelne Personen, fragen immer mehr Forscher und stellen fest: Unternehmen handeln bestenfalls eingeschränkt rational und verfolgen in aller Regel andere Ziele als den maximalen Gewinn. Zum einen, weil ihnen die Reputation, Weltmarktanteile oder die Furcht vor einer Übernahme gerade wichtiger erscheinen. Zum anderen, weil die Ziele der Eigentümer - die langfristige Gewinnmaximierung - sich von denen der Manager - ein gelungener Start und ein hohes Gehalt - unterscheiden.

Huck und sein Londoner Kollege Mark Armstrong haben in einer Studie systematisch Forschungsergebnisse zusammengetragen und kommen zu dem Schluss: "Das Optimierungsproblem ist in vielen Situationen einfach zu komplex - Firmen müssen sich daher oft darauf zurückziehen, mit Daumen-Regeln zu agieren."

Auch für die berühmte These des Nobelpreisträgers Milton Friedman finden die Forscher keine empirischen Belege: Friedman hatte argumentiert, Unternehmen hätten gar keine andere Wahl als ihre Gewinne stets so hoch wie möglich zu treiben - sonst würden sie rasch von profitableren Wettbewerbern verdrängt. Zum Teil ist sogar das Gegenteil der Fall, stellen die Forscher fest: Firmen, die sich an anderen Zielen als einem möglichst hohen Gewinn orientieren, haben dadurch mitunter sogar strategische Vorteile. Der Wettbewerb auf einem Markt kann sogar zunehmen, wenn Unternehmen nicht ihre Gewinne maximieren. Und bis unprofitable Firmen sich vom Markt verabschieden müssen, dauert es häufig Jahre.

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  • Guter Artikel, der das Wesentliche auf den Punkt bringt und mit einigen Mythen aufräumt. Danke dafür!

  • Ausnahmsweise ein sehr schlechter Artikel.
    1. Unternehmer maximieren den barwert der zukünftigen Gewinne und nicht die Gewinne selber. Es ist trivial, dass die Maximierung kurzfristiger Gewinne den barwert zukünftiger Gewinne wahrscheinlich senkt. Denn wer nicht investiert, wird langfristig keine Gewinne machen.
    2. Wenn man nicht alle Parameter eines Geschäftes kennt und nach Daumenregel handelt, bedeutet das nicht, dass man nicht seinen langfristigen Gewinn maximiert. Unter den Umständen ist es eben das beste was möglich ist.
    3. Soziale und sonstige image-Aktivitäten werden normalerweise durchgeführt um den Gewinn zu verbessern. Wenn das image steigt, so hat das sehr wohl ökonomischen Wert; wenn auch verzögert und mittelbar.
    4. Wenn die Autobranche insgesamt einbricht, so bricht der Gewinn jedes einzelnen Unternehmens ein. Das bedeutet nicht, dass dies nicht der maximal mögliche Gewinn der einzelnen Unternehmen war. Gegeben dass keiner mehr Autos kauft, ist der maximal mögliche Gewinn sicherlich gleich Null. Dies ist kein Gewinn, aber trotzdem der maximal mögliche. Da brancheneffekte und makroökonomische Faktoren immer eine Rolle spielen und nur schwer von den unternehmensspezifischen zu trennen sind, ist der Marktanteil ein sehr gutes Kontrollmass, was keineswegs widersprüchlich zur langfristigen Gewinnmaximierung sein muss.
    5. Natürlich handeln Unternehmer nicht immer gewinnmaximierend. Aber die Gründe dazu sind dann wohl auf psychologischer Seite oder auch im principal-agent Verhältnis von Managern und Unternehmern zu suchen. Dazu gibt es wohl mehr als genug Forschungsarbeiten um einen sinnvollen Zeitungsartikel zu verfassen.

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