Große Keynes-Serie im Handelsblatt
John Maynard Keynes: Der Widersprecher

Er ist einer der größten Ökonomen aller Zeiten – studiert hat er das Fach allerdings nur ganze acht Wochen. Wie kaum ein anderer hat John Maynard Keynes die große Politik des 20. Jahrhunderts beeinflusst, den Ruhm seiner Theorien konnte er allerdings nicht mehr ernten. Das bewegte Leben des Weltökonomens – eine Geschichte voller Widersprüche.
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DÜSSELDORF. Er ist ein kluger Wissenschaftler, aber er liebt noch mehr die Kunst. Er ist gelernter Mathematiker, doch in seinen Werken meidet er Formeln. Er gilt jahrelang als homosexuell, führt aber eine lange und glückliche Ehe mit der russischen Tänzerin Lydia Lopokowa. Er ist zurückhaltend und manchmal schüchtern, überhäuft aber Staatschefs und Kollegen mit beißendem Spott. Er gilt als größter Ökonom des 20. Jahrhunderts und hat doch nur acht Wochen Ökonomie studiert.

Doch der Reihe nach.

Die Erwartungen sind groß, als John Maynard Keynes als erstes von drei Kindern am 5. Juni 1883 in Cambridge geboren wird. Die Eltern sind ehrgeizig und die Voraussetzungen für eine akademische Karriere von John Maynard gut. Die Colleges liegen in Fußnähe, beide Eltern sind Intellektuelle. Seine Mutter gehört zu den ersten Studentinnen und wird später als erste Frau Englands Bürgermeisterin der Stadt. Sein Vater lehrt Logik und Politische Ökonomie und wird später Verwaltungschef der Uni.

Fünf Jahre geht John Maynard auf das elitäre Internat Eton, danach schreibt sich der schlaksige junge Mann mit dem sprießenden Schnauzbart am King's College für Mathematik, Philosophie und Geschichte ein. Schnell gehört er zu den Besten, wird Mitglied des geheimen Debattierclubs der Apostel.

Keynes-Biografen unterstellen oft, seine offen gelebte Homosexualität zu Internats- und College-Zeiten sei für sein Denken zentral gewesen. Früh habe er mit Konventionen gebrochen. Sicher ist, dass ihn die freiheitlichen Ideen seiner Freunde vom Bloomsbury-Kreis prägten, einer Gruppe junger Leute rund um die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihre Schwester, die Malerin Vanessa Bell. Zeitweise lebt Keynes mit ihnen im Londoner Stadtteil Bloomsbury und auf dem Land unter einem Dach, sie feiern viel, fordern sich aber auch intellektuell heraus. Sie werden Freunde, ihr Leben lang.

Keynes ist vielseitig interessiert und widersteht dem Werben seines väterlichen Freundes Alfred Marshall, der ihn für einen Abschluss in Ökonomie gewinnen will. Marshall hatte einige Jahre zuvor erst die Ökonomie als eigenständige Disziplin etabliert und hätte sich einen hochbegabten Studenten wie Keynes gewünscht. Er konnte nicht ahnen, dass ausgerechnet Keynes das Theoriegebäude der klassischen Schule zum Einsturz bringen würde.

Die Eltern sehen ihren Sohn schon als Professor, John Maynard bereitet sich aber lieber auf ein Examen für den britischen Staatsdienst vor. Noch lieber beschäftigt er sich mit Aristoteles. "Ich bin überrascht, dass er der intellektuellen Beschäftigung den ersten Platz einräumt. Aber hier bin ich nicht mit ihm einverstanden", schreibt Keynes an einen Freund. "Die Liebe zuerst, die Philosophie an zweiter Stelle. Die Dichtung an dritter und die Politik an vierter Stelle."

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