Großprojekte
Teure Denkmäler

Von der Landstraße bis zur Stadtbahn - öffentliche Großprojekte kosten oft deutlich mehr als ursprünglich kalkuliert. Die Erklärungen der Planer sind meist fadenscheinig. Nun wollen Betriebswirte herausfinden, was die Projektkosten explodieren lässt.
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DÜSSELDORF. Die Eiserne Lady war wieder einmal stur geblieben: "Keinen Penny für den Eurotunnel!" lautete Maggie Thatchers Devise, als Frankreich und Großbritannien 1986 über den Bau eines Tunnels unter dem Ärmelkanal verhandelten. Gegen die Idee an sich hatte sie nichts einzuwenden - aber wenn, dann sollte sie doch bitte mit privatem Geld finanziert werden.

Den britischen Steuerzahlern hat sie damit einen großen Gefallen getan: Für die Investoren wurde das Projekt zum völligen Reinfall. Die Baukosten - umgerechnet rund 15 Milliarden Euro - waren am Ende doppelt so hoch wie geplant. Und die satten Gewinne, von denen die Betreiber Ende der 80er-Jahre geschwärmt hatten, sind Fantasie geblieben - im Jahr 2006 stand die Betreiberfirma kurz vor der Pleite.

Solche Kostenexplosionen bei Großprojekten sind eher die Regel als die Ausnahme. In neun von zehn Fällen werden sie teurer als geplant. Das hat der dänische Professor Bent Flyvbjerg festgestellt, der an der englischen Elite-Universität Oxford lehrt. So gilt bei Eisenbahntrassen: Im Durchschnitt sind die Kosten hinterher um 50 Prozent höher als erwartet, zugleich ist die Zahl der Fahrgäste 50 Prozent niedriger. Bei anderen Großprojekten wie Autobahnen, Brücken oder Gaspipelines sind die Zahlen kaum besser.

Seit 20 Jahren beschäftigt sich der gelernte Städteplaner Flyvbjerg mit den Kostenexplosionen bei Großbauten. Der Eurotunnel war sein Schlüsselerlebnis: "In der wissenschaftlichen Literatur gab es damals überhaupt keine Antworten, warum das so oft passiert", erzählt Flyvbjerg. Heute ist der von ihm begründete Forschungszweig "Megaprojekte-Management" eine florierende Subdisziplin der Betriebswirtschaftslehre.

Für Flyvbjergs Ergebnisse interessieren sich inzwischen auch Regierungen - schließlich müssen sie Jahr für Jahr Milliarden von Steuergeldern nachschießen, wenn mal wieder ein öffentliches Großprojekt aus dem Ruder läuft. In den Niederlanden und in Großbritannien sind seine Lösungsvorschläge schon in neue Förderrichtlinien eingeflossen.

In der Datenbank, die der Professor zusammen mit seinem Forschungsteam aufgebaut hat, befinden sich mittlerweile 500 große Verkehrsprojekte aus den vergangenen 80 Jahren und 30 Ländern. Die Auswertung zeigt: Das Problem der Kostenexplosion besteht überall und ist über die Jahre nicht kleiner geworden. "Es scheint, als würde niemand etwas dazulernen", sagt Flyvbjerg.

Wie eine Stubenfliege, die immer wieder gegen die Fensterscheibe prallt, weil ihr das Langzeitgedächtnis fehlt, machen die Menschen ständig denselben Fehler: Wir unterschätzen die Kosten und die nötige Zeit, gleichzeitig überschätzen wir den Nutzen und Profit. Den Weltrekord im Kostensprengen hält der Suezkanal, der am Ende neunzehnmal so viel kostete wie geplant. In Deutschland liegt die Stadtbahn zwischen Karlsruhe und Bretten vorne, die 1992 fertiggestellt wurde: Der Preis lag letztlich fast 80 Prozent über dem Kostenvoranschlag.

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