Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL) - Porträtserie "Jugend forscht"
Clemens Fuest: Forscher mit dem Mut zu klaren Worten

Der Kölner Finanzwissenschaftler Clemens Fuest schafft den Spagat: Er publiziert wissenschaftlich auf internationalem Top-Niveau und schaltet sich vernehmbar in die Politikdebatte ein
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Auf den ersten Blick passt der Mann bestens in eine Schublade: Clemens Fuest ist Professor für Finanzwissenschaft an der Uni Köln, einer ordnungspolitischen Hochburg. Er ist Mitglied des marktliberalen Kronberger Kreises und beriet 2005 vor der Bundestagswahl die CDU.

Clemens Fuest, ein Volkswirt der alten Schule? Weit gefehlt! Dem 39-Jährigen kommt die Floskel "aus ordnungspolitischen Gründen abzulehnen" zum Beispiel nicht über die Lippen. "Wenn es eine wirtschaftspolitische Idee gibt, die gegen ordnungspolitische Grundsätze verstößt, aber positive Wirkungen hat, bin ich der Letzte, der sich dagegen ausspricht", sagt Fuest. "Schließlich wären auch 99 Prozent der Bevölkerung ordnungspolitische Bedenken in solch einem Fall ziemlich egal."

Fuest ist einer der wenigen Finanzwissenschaftler in Deutschland, der auf internationalem Niveau forscht. Die meisten seiner Fachkollegen publizieren hauptsächlich im deutschsprachigen Raum - oder konzentrieren sich ganz auf die Politikberatung. Fuest ist der einzige Finanzwissenschaftler, der es im Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten Volkswirte in die Top 10 der unter Vierzigjährigen schafft - obwohl die Disziplin eigentlich eine klassische Stärke der deutschen Ökonomie ist.

Trotz seiner starken Forschungsorientierung ist der Kölner Professor aber niemand, der sich den Vorwurf der esoterischen Glasperlenspielerei gefallen lassen müsste. Die Wirklichkeit verliert Fuest in seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht aus dem Blick - er verbindet die mathematisch geprägte finanzwissenschaftliche Theorie mit den modernen ökonometrischen Methoden der empirischen Wirtschaftsforschung. Denn darin sieht er die Zukunft der modernen Finanzwissenschaft: theoretisch auf hohem Niveau, aber trotzdem mit empirischem Schwerpunkt. "Die bisherige Arbeitsteilung zwischen Theoretikern und Empirikern wird sich abschwächen."

So untersuchte er mit einem Ko-Autor am Beispiel der ausländischen Direktinvestitionen, welche konkreten Folgen die Unternehmensteuerreform der rot-grünen Bundesregierung auf das Investitionsverhalten von Unternehmen hatte. Seine Ergebnisse dürften auch Ordnungspolitikern der alten Schule gefallen.

Denn Fuest stellte fest: Die niedrigeren Steuern führten für sich genommen dazu, dass die Investitionen der Unternehmen stiegen - nur wurde diese positive Wirkung durch die Konjunkturschwäche überdeckt. "Ohne die Unternehmensteuerreform wären die Investitionen aber noch stärker gefallen." Fuest selbst aber betont: "Ich hätte auch nichts gegen das gegenteilige Ergebnis gehabt - es ging uns einfach darum, die Daten sprechen zu lassen."

Die für Forschung auf internationalem Niveau nötigen ökonometrischen Methoden eignete sich Fuest größtenteils autodidaktisch an - ein systematisches Graduiertenprogramm hat er nicht absolviert. "Ich habe mir wichtige Aufsätze geschnappt und sie so lange durchgearbeitet, bis ich sie wirklich nachvollziehen konnte." Das sei teilweise eine quälende Angelegenheit gewesen. "Für mache Arbeiten brauchte ich Wochen." Seine wissenschaftliche Laufbahn glich bis zu seinem Ruf an die Uni Köln im Jahr 2001 einer Odyssee: Das Grundstudium absolvierte er in Bochum, das Diplom in Mannheim, die Promotion in Köln und die Habilitation in München.

Trotz seiner Vorliebe für vorurteilsfreie Forschung ist Fuest aber nicht mit der bei empirischen Wirtschaftsforschern verbreiteten Berufskrankheit infiziert, in wirtschaftspolitischen Debatten bis in die Haarspitzen zu differenzieren. Im Gegenteil, der gebürtige Westfale hat keine Scheu vor argumentativer Zuspitzung. So attestierte er NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) jüngst, "keine Ahnung von Ökonomie" zu haben. Und um der Öffentlichkeit die Unsinnigkeit der Steinkohle-Subventionen deutlich zu machen, rechnete er vor, dass man für das gleiche Geld 50 000 Lehrer einstellen könnte.

"Es gibt immer einen Punkt, an dem man die Ergebnisse gewichten und sich eine klare Meinung bilden muss", sagt er. Nur müsse man sich selbst bewusst sein, dass man dann "keine in Granit gemeißelten Wahrheiten" präsentiert. "So eine Argumentation hat immer ein selektives Element."Anders aber gehe es nicht. "Sonst wird man nicht gehört." Und gehört werden, das will Clemens Fuest durchaus.

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