Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL) - Porträtserie "Jugend forscht"
Hans Peter Grüner: Sozialingenieur und Querdenker

Der Mannheimer Wirtschaftspolitik-Professor Hans Peter Grüner hält wenig von ordnungspolitischen Floskeln - Harte Fakten über ökonomische Wirkungszusammenhänge sind ihm wichtiger
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Naturwissenschaften? Technik? Oder doch lieber Politik? Als Hans Peter Grüner sein Studienfach wählen musste, fiel es ihm schwer, sich für eines seiner vielen Interessengebiete zu entscheiden.

Am Ende machte Grüner einen Kompromiss und studierte mathematisch orientierte Volkswirtschaftlehre. Eine Entscheidung, die sich bewährt hat. Denn heute, knapp 20 Jahre später, ist der 39-Jährige einer der international erfolgreichsten deutschen Ökonomen seiner Generation.

Der Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim ist ein Ökonom des neuen Typs - einer, der die Politik nicht mit ordnungspolitischen Weisheiten versorgen will, sondern mit besseren Informationen über ökonomische Wirkungszusammenhänge, damit sie durch bessere Regeln und Institutionen mehr Wohlstand für alle schaffen kann. Der Harvard-Ökonom Greogry Mankiw hat dafür den Begriff des "Sozialingenieurs" geprägt - eine Bezeichnung, gegen die sich auch Grüner nicht wehren würde.

Der Volkswirt bezeichnet sich selbst als Neoklassiker, aber er wendet das Instrumentarium der Neoklassik oft in einer nicht traditionellen Weise an. Im Zentrum seiner Forschungsprojekte stehen häufig Verteilungsfragen. Diese hält der Ökonom, der in Heidelberg studierte und danach das Graduiertenprogramm der Uni Bonn durchlief, für einen blinden Fleck in der deutschen Wirtschaftsforschung, insbesondere in der wissenschaftlichen Politikberatung.

"Politikberater müssen die Verteilungswirkung berücksichtigen, sonst ist ihr Rat nicht viel wert", mahnt er. Denn viele wünschenswerte Reformen scheiterten am politischen Widerstand der Verlierer. Damit dies nicht passiert, sollten Ökonomen seiner Ansicht nach den politisch Verantwortlichen Hinweise geben, wie sie diesen Widerstand reduzieren können, etwa durch zusätzliche, kompensierende Maßnahmen.

Mitunter sind seine Thesen durchaus unkonventionell: "Warum nicht mit Subventionsabbau dafür sorgen, dass der Staat das Geld hat, Geringqualifizierten zu helfen, deren Löhne auf ein marktkonformes Niveau sinken sollen?" fragt der selbstbewusste junge Professor.

Auch solle die Regierung bei marktwirtschaftlichen Reformen nicht immer nur an die üblichen Verdächtigen denken, sondern auch mit Nachdruck gegen überhöhte Preise von Monopolisten und Quasi-Monopolisten vorgehen.

Bisher hat die allgemeine Wirtschaftspolitik Grüners Rat allerdings noch nicht gesucht. Anders ist dies bei den Zentralbanken - von EZB und Co. erhält er regelmäßig Beratungsaufträge. Denn Geldpolitik ist eines seiner Schwerpunktthemen, wenn er auch nicht den Eindruck macht, dass es sein Lieblingsthema ist - eher etwas, das ihn aus seiner akademischen Vergangenheit hartnäckig verfolgt.

Leuchtende Augen bekommt Grüner, wenn er sein aktuelles Forschungsprojekt beschreibt. Dabei geht es darum, dass neue Informationen und neue Technologien sich nicht von heute auf morgen überall gleich schnell durchsetzen. Damit versucht er theoretisch und empirisch zu erklären, warum Computer und Internet die Arbeitsproduktivität in den USA viel früher und stärker erhöht haben als in Europa.

Seine Arbeitsthese: In den Vereinigten Staaten sind die organisatorischen Strukturen in den Unternehmen und die Arbeitsmärkte deutlich flexibler als hier zu Lande. Dadurch können die Umorganisationen, die zur vollen Nutzung des technischen Fortschritts nötig sind, schneller stattfinden. Um diese These zu erhärten, prüft er derzeit, ob in amerikanischen Unternehmen Stellen von Sekretärinnen, die im Zuge des Siegeszugs von Personalcomputern weniger gebraucht werden, früher und stärker abgebaut wurden als in Europa.

Man trifft nicht viele junge Ökonomen, die mit weniger als 40 Jahren schon so souverän und selbstsicher auftreten wie Grüner. Vielleicht wurde ihm der akademische Erfolg schon in die Wiege gelegt - sein Vater war Professor für Berufspädagogik, sein Bruder ist Professor für Controlling, seine Schwester Schuldirektorin.

Seit nunmehr sieben Jahren ist Grüner Professor in Mannheim, seine erste Stelle, seit er 1999 in Bonn habilitierte. Rufe der Universitäten Basel und Berlin lehnte er ab. Was er als Nächstes machen will, weiß er noch nicht so recht. "Es könnte aber auch etwas ganz anderes sein", meint er, etwas außerhalb der Universität.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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