Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL) - Porträtserie "Jugend forscht"
Matthias Sutter: Der Spätberufene

Erst im Zweitstudium entschied sich der Österreicher Matthias Sutter für Ökonomie – nach einem Studium der katholischen Theologie. Heute ist er einer der führenden deutschsprachigen Experimental-Ökonomen. Sein Spezialgebiet ist die Analyse des Verhaltens von Gruppen. "Teams handeln oft rationaler", sagt Sutter.
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Es war eine kleine, harmlose Bitte. Ob man nicht bei den Berufungsvorträgen in alphabetischer Reihenfolge vorgehen könnte, schlug Matthias Sutter der Uni Innsbruck vor, die ihn und andere Bewerber um eine freie Professorenstelle vor einigen Monaten eingeladen hatte.

Was der 37 Jahre alte Ökonom nicht dazu sagte: Die Reihenfolge, in der Bewerber vor einer Jury auftreten, kann großen Einfluss auf ihr Abschneiden haben. „Man sollte tunlichst nicht der Erste sein“, hat er bei der Analyse von Daten eines seit Jahrzehnten stattfindenden Klavierwettbewerbs herausgefunden. Praktisch, dass sein Nachname mit „S“ beginnt.

Seit Oktober hat Sutter einen neuen Job – er ist Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Innsbruck. Da beschwere sich noch jemand über den mangelnden praktischen Nutzen von ökonomischer Forschung! Wobei Sutter die Stelle wohl auch bekommen hätte, wenn er als Erster vor der Berufungskommission hätte auftreten müssen. Denn er gehört zu den forschungsstärksten Volkswirten seiner Generation. Im Handelsblatt-Ranking rangiert er in der Top Ten der unter Vierzigjährigen. Auch in London und Göteborg hätte Sutter als Professor anfangen können.

Dabei hat er erst relativ spät, im Alter von 24 Jahren, die Volkswirtschaftslehre für sich entdeckt. Vorher studierte er katholische Theologie und liebäugelte eine Weile damit, Jesuit zu werden. Irgendwann aber merkte er, dass das Zölibat nicht seine Sache ist. Außerdem war er fasziniert von einem seiner theologischen Lehrer, der promovierter Volkswirt war. „Ich hatte das Gefühl: Der versteht etwas von der Welt.“

In der ökonomischen Zunft erwies sich sein Theologie-Studium anfangs als Wettbewerbsnachteil. „Man konnte mich nicht einordnen – viele haben gedacht: Ich bin ein verkappter Theologe, der als Volkswirt daherkommt.“ Die Folge: Anfangs musste sich Sutter von einer befristeten halben Stelle zur nächsten hangeln. „Das war keine leichte Zeit.“

Doch Sutter arbeitete sich hoch: Für seine Promotion brauchte er nur zwei Jahre, die Habilitation hatte er nach weiteren drei Jahren im Kasten. „Wie ein Verrückter“ habe er wissenschaftliche Arbeiten publiziert, erzählt er heute. Im Handelsblatt-Ranking schneidet Sutter sogar noch ein bisschen besser ab als der Kölner Vorzeige-Professor Axel Ockenfels. Für den hat er ein Jahr lang in Köln die Vorlesungen gehalten. Ockenfels hatte 2005 als erster Ökonom seit 17 Jahren den mit 1,55 Mill. Euro dotierten Leibniz-Preis erhalten – und sich mit einem Teil des Geldes von seinen Lehrverpflichtungen freigekauft.

Zu seinem Fachgebiet, der experimentellen Wirtschaftsforschung, ist Sutter nur durch Zufall gekommen. Eigentlich war er in der Finanzwissenschaft zu Hause. Für seine Promotion wollte er analysieren, wie die Abstimmungsprozesse im Ecofin-Rat bei übermäßigen Haushaltsdefiziten ablaufen – unmittelbar vor dem Start der europäischen Währungsunion war das ein heißes Thema. Sutters erster Entwurf, der auf mathematisch komplexen Indikatoren zur Abstimmungsmacht der einzelnen Länder basierte, begeisterte seinen Doktorvater nicht. „Der hat mir gesagt: Machen Sie doch ein ökonomisches Experiment!“ Mit Papier und Bleistift machte sich Sutter ans Werk, die Probanden bezahlte er von seinem eigenen Geld.

Die neue Methode ließ ihn nicht mehr los. Bis heute ist er vor einem neuen Experiment „nervös und neugierig, was am Ende für ein Ergebnis herauskommt“. Er sieht sich als „Verhaltenswissenschaftler, der ökonomische Fragen bearbeitet“.

Sutters Spezialgebiet sind Experimente mit Gruppen. „Teams unterscheiden sich in ihrem Verhalten und bei ihren Entscheidungen in vielen Aspekten grundlegend von Individuen“, erklärt Sutter. Zahlreiche Versuche belegten: Wenn mehrere Menschen gemeinsam handeln, agieren sie oft deutlich rationaler und egoistischer, als wenn sie allein agieren : Ihr Verhalten kommt dem des „Homo oeconomicus“ – das Menschenbild, das klassischer wirtschaftswissenschaftlicher Forschung zu Grunde liegt – deutlich näher. „Teams handeln meist klüger und lernen schneller als Individuen“, sagt Sutter.

Auch die Frage, wie sich das soziale und ökonomische Verhalten von Menschen im Laufe ihrer Entwicklung verändert, interessiert den Innsbrucker. Zusammen mit einem Ko-Autor hat er dafür ein aufwendiges Experiment mit Kindern und Jugendlichen gemacht – und herausgefunden: Je jünger die Probanden sind, desto egoistischer verhalten sie sich.

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