Handelsblatt-Umfrage unter Top-Ökonomen
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... von Harald Uhlig zur derzeitigen Situation der deutschen VWL-Fakultäten?
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Henning Bohn (University of Santa Barbara): Mein erster Eindruck ist, dass die Diagnose absolut korrekt ist, insbesondere dass die Arbeitsbedingungen in den USA wesentlich besser sind.

Matthias Döpke (UCLA): Das Uhlig-Programm trifft den Nagel auf den Kopf. Sowohl in der Analyse der gegenwärtigen Lage als auch im Lösungsvorschlag kann ich allem nur zustimmen, auch im Detail.

Lars Ehlers (Montreal): Ja, die Analyse ist sehr gut. Es ist eine Schande, dass Deutschland seine Universitäten dermaßen vernachlässigt, nicht nur in der Volkswirtschaftslehre.

Steffen Huck (University College London): Partiell. Wobei ich doch vielmehr den Aufwärtstrend auch sehe als nur den Abstand zur Spitze. Ich finde den Ton zu düster und ungerecht gegenüber vielen deutschen Kollegen, die sehr hart arbeiten, um das System von innen zu verbessern. Es ist ja nicht so, dass jeder gleich aufhört zu forschen, der nach Deutschland zurückkommt.

Ulrich Kaiser (Odense): In den meisten Punkten stimme ich Uhlig zu. Die deutschen Fachbereiche sind zu klein, es wird viel zu viel gelehrt und es fällt zu viel Administration an. Die Stellenstruktur muss geändert werden, hin zu „tenure track“-Stellen wie in Benelux, Skandinavien, USA und Großbritannien. Die schon immer guten Fachbereiche haben sich nochmals deutlich verbessert haben, insbesondere Frankfurt und Köln, auch dank der neuen „Graduate Schools“. Die schon immer schlechten Fachbereiche sind stehen geblieben – vielleicht sollte man die schlechten entmündigen oder schließen? Die Berufungsverfahren sind zu träge, die Ausstattung – ich meine alles außer dem Gehalt – ist relativ schlecht.

Einige Punkte sehe ich aber anders als Uhlig: Das Gehalt spielt nicht die größte Rolle. Niemand, der eine akademische Karriere anstrebt, probiert das des Geldes wegen. Und dem Institute-Bashing mag ich mich nicht anschliessen; Spitzenforschung ist nicht der Auftrag der Institute. Die familiäre Komponente wird von Uhlig unterschätzt. Es gibt einige im Ausland tätige Oekonomen – insbesondere in den USA –die ihre Kinder lieber in Deutschland als im Ausland aufwachsen sehen möchten. Und es gibt auch Auslandsforscher, die gerne näher bei ihren Familien wären.

Bettina Klaus (Maastricht): Ja.

Felix Kübler (University of Pennsylvania): Ja, voll und ganz.

Dirk Krüger (University of Pennsylvania): Uhligs Analyse stimmt.

Rosemarie Nagel (UPF Barcelona): Das ist eine sehr gute Analyse. Besonders wichtig sind die Punkte: zu kleine Departments und zuviel Lehre. Nicht erwaehnt wurde, dass in einigen Universitaeten Doktorandenkurse nicht als Lehrstunden angerechnet werden, wie mir berichtet wurde. Wenn das stimmt, ist das einfach ein Skandal.

Axel Ockenfels (Köln): Im Wesentlichen stimme ich zu.

Albrecht Ritschl (London School of Economics): Ja. Es fehlt an dreierlei – an der kritischen Masse, der Exzellenz und an effizienten Strukturen.

Deutsche Fakultäten sind zu klein. Die Arbeitsgebiete sind so ausgerichtet, dass mit ganz wenigen Leuten ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird. Echte Überlappungen zwischen den Forschungsbereichen gibt es kaum. Als Ergebnis sitzt und spricht man in Deutschland mit seinen Studenten und Mitarbeitern, in England und den USA dagegen mit seinen Kollegen.

Der Mangel an Exzellenz hat drei Gründe. Erstens das Dritte Reich. Die oft weniger guten Leute blieben hier und produzierten Schüler, die die deutschen Fakultäten bis in die 80er Jahre dominiert haben. Zweitens die ungenügende mathematische Ausbildung der Volkswirte sowie die massive Überfrachtung ihres Studiums mit betriebswirtschaftlichen Inhalten, die der Volkswirt nicht braucht. Das hat seinen historischen Grund in einer Standardisierung der Studiengänge am Beginn der sechziger Jahre, die noch unter dem Einfluss der Historischen Schule einer weiteren Mathematisierung der Ökonomie entgegenwirken wollte, darum ein starkes Gewicht auf politikorientierte Fächer und BWL legte und bis heute nachwirkt. Um zu einer breit angelegten Verbesserung der Qualität zu kommen, muss gefordert werden, dass an jeder besseren Universität ein volkswirtschaftlich-mathematischer Studienzweig errichtet wird, der das volle Programm eines typischen BSc/MSc-Studiengangs in Statistik abarbeitet.

Außerdem fehlen effiziente Strukturen. Die deutsche Universität verhält sich zu ihrem Enkel, der amerikanischen, wie ein VW Käfer zu einem Golf V. Der Käfer mag mal ein gutes Fahrzeug gewesen sein, auf heutigen Straßen ist er aber zu langsam, zu laut, zu unsicher und verbraucht zu viel Sprit. Alles das gilt sinngemäß auch für das deutsche Universitätswesen. Organisiert ist die deutsche Universität nach ähnlichen Prinzipien wie das vormoderne Handwerk mit seinen Zunftmeistern, wie der Feudalismus mit seinen Duodezfürsten und Gutsherren. Das ist kein gutes Modell für des 21. Jahrhundert mit seinem globalisierten Wettbewerb um die besten Köpfe. Die Hochschulreformen der sechziger und siebziger Jahre haben dieses Modell zu einem regelrechten Ständestaat ausgebaut, in dem jede Verwaltungssekretärin und jeder Doktorand ihre Mitspracherechte in einem ausbalancierten System von Gremien gesichert sehen. Von innen heraus ist das bestehende System zur Reform unfähig. Es gehört abgeschafft, aber kein Politiker wird das wagen.

Hans-Werner Sinn (München): Im Grundsatz ist vieles richtig, was den Stand der Forschung betrifft. Nur übersieht Uhlig den dramatischen Fortschritt bei der internationalen Forschungspräsenz der deutschen Volkswirte, den es in den letzen zwanzig Jahren gegeben hat. Es hat eine Revolution stattgefunden, die sich in den Zahlen des Handelsblatt-Rankings zur internationalen Forschung widerspiegelt und vor allem auch in der Präsenz deutscher Forscher auf internationalen Konferenzen. Auch im Inneren tut sich viel. Die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik hat nach meiner Einschätzung heute eine Qualität, die die Tagung der European Economic Association erreicht oder gar in den Schatten stellt. Bei den Instituten ist ebenfalls viel in Bewegung gekommen, wie die letzten Evaluierungen durch internationale Wissenschaftler gezeigt haben. Richtig ist, dass die deutschen VWL-Fakultäten noch nicht auf dem amerikanischen Standard der Top-Unis angekommen ist. Aber wie gesagt, die Dynamik und den Trend darf man nicht aus dem Auge verlieren. Schon heute sind die VWL-Fakultäten stärker international ausgerichtet und wettbewerbsfähiger als die geistes- und gesellschaftswissenschaften Fakultäten und Fachbereiche.

Klaus M. Schmidt (München): Grundsätzlich ja.

Stephanie Schmitt-Grohe (Duke University): Ja, ich teile die Meinung von Harald Uhlig. Wir habe ja gerade letztes Jahr gesehen, dass Felix Kübler, Dirk Krüger, und Harald Uhlig selbst probiert haben in Deutschland zu lehren und zu forschen und dass es für sie nicht geklappt hat. Im Moment gibt es in Makroökonomie in Deutschland nur ganz wenige Forscher, die eine Chance auf ein Stellenangebot einer Top-20-Universität in den USA hätten.

Friedrich Schneider (Linz, Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik): Ich teile die Analyse, sie gilt auch eins zu eins für Öesterreich.

Dennis Snower (Kiel): Ich stimme der Analyse von Herrn Uhlig zur derzeitigen Situation der deutschen VWL-Fakultäten zu.

Daniel Sturm (London School of Economics): Ich halte die Analyse der Situation in jeder Hinsicht für vollkommen zutreffend und denke, dass diese Meinung auch von den meisten anderen Auslandsdeutschen geteilt wird.

Matthias Sutter (Innsbruck): Im Wesentlichen Ja. Ich bin mir allerdings nicht so ganz sicher, ob die behaupteten Kosten des Fehlens wirklich so hoch sind. Implizit steckt im Paper die Annahme drin, dass die USA deswegen wirtschaftlich so floriert, weil sie so gute VWL-Fakultäten hat. Das müsste aus meiner Sicht erst noch bewiesen werden. Natürlich stimme ich allerdings dem grundsätzlichen Ansatz zu, dass gute wirtschaftspolitische Beratung sehr gute theoretische VWL-Kenntnisse voraussetzt. Das zu verbessern ist sicher richtig. Ob deswegen Deutschland gleich wieder eine Wirtschafts-Supermacht wird, muss sich dann erst zeigen

Klaus F. Zimmermann (DIW, IZA): Grundsätzlich teile ich die Analyse von Herrn Uhlig, der ja ein sehr kluger Kopf ist. Sie ist aber nicht wirklich neu. Ich habe auch so ähnlich argumentiert, als ich vor 20 Jahren aus Amerika zurück nach Deutschland kam. Damals war die Situation nur sehr viel schlimmer. Inzwischen haben sich sehr viele Kollegen massiv engagiert, um das System zu verändern. Auch der Wissenschaftsrat hat sich zu den Wirtschaftsforschungsinstituten und den Universitäten geäußert. Es hat sich gewaltig viel verändert. Nur haben die außeruniversitären Forschungsinstitute flexibler reagiert als die Fakultäten. Ich hätte mir sehr gewünscht, Herr Uhlig wäre in Berlin geblieben und würde hier weiter mithelfen, die Reformen voran zu treiben. Denn aller Fortschritt braucht Zeit und einen langen Atem.

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Wie beurteilen Sie den Lösungsvorschlag von Uhlig? Wo sehen sie Stärken und Schwächen der Idee?

Glauben Sie, dass ein Fachbereich mit den von Uhlig skizzierten Bedingungen international wettbewerbsfähig wäre und ein attraktiver Arbeitgeber für internationale Top-Ökonomen wäre?

Stellen Sie sich vor, dieser Fachbereich würde existieren und Ihnen eine Stelle als "tenured Professor" anbieten. Was würden Sie tun?

Wie beurteilen Sie die Umsetzungschancen des Konzepts?

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