Handelsblatt-Umfrage unter Top-Ökonomen
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... den Lösungsvorschlag von Harald Uhlig? Wo sehen sie Stärken und Schwächen der Idee?
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Henning Bohn (University of Santa Barbara): Die Lösung erscheint mir fragwürdig. Zum ersten unterschätzt Harald Uhlig meines Erachtens die Anstrengungen der besseren deutschen Fakultäten und Forschungsinstitute, sich international zu profilieren. Diese Fakultäten und Institute sollte man unterstützen, und nicht etwa zugunsten einer neuen Elitefakultät die Finanzmittel kürzen

Zum zweiten unterschätzt der Vorschlag das Problem der Glaubwürdigkeit. Eine „langfristige Verpflichtung, diesen Fachbereich mit den unten genannten Strukturen zu erhalten, zu schützen“ ist leicht zu formulieren. Aber damit ist das Problem nicht gelöst: Wie kann man im Rahmen des deutschen politischen Systems solche langfristigen Verpflichtungen etablieren, und dabei vermeiden, neue Besitzstände zu schaffen? Wenn man München, Bonn, und Mannheim - um nur ein paar Beispiele zu nennen - die Arbeitsbedingungen gäbe, die Harald Uhlig zu recht einfordert, dann hätten diese renommierten Fakultäten es wahrscheinlich einfacher, das Vertrauen von Top-Kandidaten zu gewinnen, als eine Neugründung.

Drittens halte ich Harald Uhligs Vorschlag für nicht genügend wettbewerbsfreundlich. Eine einzige Elitefakultät reicht nicht. Die Stärke der amerikanischen Universitäten liegt nicht nur darin, dass die Top-Universitäten sehr gut sind, sondern auch, dass es hunderte von Universitäten gibt, die alle versuchen, in die Spitzengruppe vorzudringen. Mein Department zum Beispiel ist nicht in der Top-20, aber einen Nobelpreisträger haben wir trotzdem anwerben können. Und die Arbeitsbedingungen hier sind von denen der Top-20 nicht weit entfernt. Der Wettbewerb zwingt die (derzeit) besten, sich immer wieder neu zu beweisen. Um den Wettbewerb in der Forschung zu stärken, müsste man jeder deutschen Fakultät und jedem Professor amerikanische Arbeitsbedingungen in Aussicht stellen, wenn die Forschungsleistungen es rechtfertigen.

Lars Ehlers (Montreal): Der Lösungsvorschlag ist sehr gut. Es wäre zudem wünschenswert, dass zumindest die Vorlesungen für Doktoranden in Englisch gegeben werden. Ich würde sogar dafür plädieren, dass alle Vorlesungen schon im Grundstudium in Englisch gegeben werden, so wie es zum Beispiel die Universität von Maastricht macht. Dies würde zudem die Rekrutierung ausländischer Professoren erleichtern. Unterrichtsverpflichtungen sollten flexibel sein, und je nach Angeboten von anderen Unis veränderbar sein. Hier an der Universite de Montreal müssen neu angestellte Junior-Professoren in den ersten zwei Jahren nur zwei Kurse pro Jahr unterrichten. Rekrutierungsentscheidungen sollten aber von allen Professoren zusammen getragen werden, in einem demokratischen Verfahren.

Steffen Huck (University College London): Ich finde den Vorschlag vor allem unseriös. Wie kann man einen ernsthaften Beitrag zu einer wichtigen Diskussion leisten wollen unter vollkommener Missachtung elementarster gesetzlicher Rahmenbedingungen? Stellen nicht ausschreiben wollen? Das ist absurd; und auch in keiner Weise wünschenswert. Sicher kann man von Amerika lernen, aber muss man nicht gleich alle Fehler mitkopieren. Außerdem finde ich die Idee der weitgehenden Herauslösung einer solchen Einrichtung aus der Universität problematisch. Das ist ja auch ein intellektueller Verlust, wenn man erstklassige Geistes- und Naturwissenschaftler beiseite schiebt, sich jedenfalls nicht mehr direkt mit ihnen auseinandersetzen will.

Ulrich Kaiser (Odense): Die Stärken des Vorschlags liegen in der Bündelung von Forschungs- und Ausbildungskompetenz. Dadurch würden attraktive Arbeitsplätze für Top-Forscher entstehen. Als Schwächen sehe ich den Finanzbedarf und die Verteilungskonflikte mit bestehenden Fachbereichen. Bei der Rekrutierung der Forscher hätte die neue Institution ein ähnliches Problem wie andere Neugründungen – es ist ungewiss, wer sonst noch an die School geht, also bleibt man lieber da, wo man gerade ist. Außerdem stellt sich mir die Frage, wer die exzellenten Kandidaten der ersten Runde aussucht. Ist es so klar, wer in Deutschland Spitze ist?

Bettina Klaus (Maastricht): Ein guter Start. Dabei darf es aber nicht bleiben, denn in den USA wird die hohe Qualität auch durch den Wettbewerb zwischen den Top-Universitäten garantiert (und dadurch dass andere Unis in den Top aufsteigen wollen). Die Gefahr der Inzucht – das Einstellen der eigenen Doktoranden nach der Promotion - muss unbedingt vermieden werden. Desweiteren sieht man auch, dass in den USA die Qualität der „economics departments“ außerhalb der Top 20 sehr gut ist . Viele der beschriebenen Vorteile - gutes Gehalt, Anerkennung guter Forschung, niedrige administrative Lasten, nicht zu hohe Lehrbelastung, gute Doktoranden-Programme - finden sich auch dort.

Dirk Krüger (University of Pennsylvania): Ich denke, man muss eine solche Institution von bisher bestehenden abkoppeln und völlig autonom lassen. Auch sollte dies eine Bundesaufgabe sein, sonst versuchen acht Länder dies in Miniaturausgabe, was wieder die kritische Masse fehlen lässt.

Axel Ockenfels (Köln): Eine Institution, wie Harald Uhlig sie skizziert, würde die Forschung zweifellos stärken und gute Leute zurückholen. Aber ich sehe auch Schwächen: Ein „Inselinstitut“ mit guten Leuten wird kaum die strukturellen Probleme insgesamt lösen können, vermutlich auch nicht den dringend nötigen Wettbewerb zwischen den Fakultäten stärken sondern eher schwächen, und schließlich nicht die Exzellenz in den vielen Fakultäten heben helfen. Ich präferiere daher die Alternativlösung von Uhlig, die in Deutschland existierenden Fakultäten hoher Qualität auszubauen, und ihnen innerhalb des bestehenden, gesetzlichen Rahmens mehr Möglichkeiten zu geben.

Rosemarie Nagel (UPF Barcelona): Das ist eine sehr gute Idee. Ich glaube, es wäre jedoch besser, die drei Top deutschen Fakultäten in Deutschland auszubauen. Bonn zum Beispiel ist in der Mikroökonomie exzellent. Aber für eine exzellente breite Ausbildung im einen Graduiertenprogramm braucht man auch Ökonometrie und Makro. Wenn Bonn also 10 Professoren für Ökonometrie, Makro und einige andere Bereiche bekommen würde, dann wäre es schnell eine der Top-Universitäten in der Welt. Bonn hat in den 80ziger und 90iger Jahren und wahrscheinlich auch noch heute Top-Doktoranden ausgebildet, die heute größtenteils in den besten deutschen Universitäten unterrichten - allerdings nur in Mikro.

Der wichtigste Punkt bei einer Reform ist deutschen Uni-Systems ist, dass Professoren, die sehr gut veröffentlichen, sehr viel weniger unterrichten. Ausserdem würde ein sehr guter Makökonom wahrscheinlich nicht nach Bonn gehen, wenn er nicht einige Kollegen in seinem Gebiet finden würde. Man sollte sich am besten das englische System ansehen, wie sie ihre Universitäten auf ein sehr gutes Niveau gebracht haben. Sie haben ein Punktesystem, nach dem Fachbereiche Geld insbesondere für Gehälter bekommen.

Albrecht Ritschl (London School of Economics): Für Uhligs Vorschlag gibt es historisch Vorbilder. Vor dem Ersten Weltkrieg sind überall privat finanzierte Wirtschaftshochschulen entstanden, die erste und wichtigste war die Wharton School in Philadelphia/USA, die bedeutendste europäische Gründung die London School of Economics (LSE), die bedeutendste deutsche die Berliner Handelshochschule. Zwischen diesen Modellen bestehen wichtige Unterschiede. Uhligs schlägt einer Wirtschaftshochschule ohne BWL ähnelt der LSE, allerdings ohne deren andere Fachbereiche. Ich halte das für äußerst attraktiv. Uhligs Modell ist letztlich eine Kaderschule für Wissenschaftler, Politikberater und Finanzmarktfachleute, fast wie eine französische „grande ecole“. Kriegsentscheidend wird es allerdings sein, dass so ein Modell außerhalb des öffentlichen Rechts errichtet wird.

Klaus M. Schmidt (München): Der entscheidende Punkt ist zweifellos, dass die bestehenden guten Fakultäten in Deutschland viel zu klein sind und in der täglichen Belastung durch zu viel Lehre und Administration ersticken. Darum ist es ein sehr guter Ansatz, größere Einheiten zu schaffen, die sich auf die Forschung und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren und international wettbewerbsfähig sind. Richtig ist auch, dass die deutschen Professorengehälter international nicht wettbewerbsfähig sind. Es muss möglich sein, internationalen Stars Gehälter anzubieten, die mit denen in den USA konkurrieren können.

Die größte Schwäche des Vorschlags von Harald Uhlig sehe ich darin, nur eine solche Institution schaffen zu wollen. Wissenschaft lebt vom Wettbewerb, auch dem Wettbewerb zwischen verschiedenen Universitäten um die besten Professoren und Studenten. Es muss möglich sein, in den Kreis der besten Universitäten aufzuschließen und auch daraus wieder abzusteigen. Wenn nur eine Institution per Dekret zur „Elite“ erklärt und massiv gesondert gefördert wird, besteht die große Gefahr, dass hier die Anstrengung bald nachlässt und die Arroganz gegenüber den anderen Universitäten zunimmt. Deutschland hat ein knappes Drittel der Bevölkerungszahl der USA. In den USA gibt es 30 bis 50 VWL-Fachbereiche, welche die Größe und Ressourcenausstattung des Vorschlags von Harald Uhligs erreichen oder übertreffen. Warum soll es dann in Deutschland nicht Platz für drei oder vier Top-Departments geben?

Ein zweites Problem sehe ich in dem Vorschlag, das Top-Department außerhalb bestehender Fachbereiche aufzubauen und nur Doktoranden auszubilden. Die Isolation der Forschung in Max-Planck Instituten ist eine deutsche Eigenart, die international unüblich ist und uns wahrscheinlich mehr geschadet als genutzt hat. Auch das European University Institute in Florenz, wo gut bezahlte Ökonomen nur Doktoranden ausbilden, hat die Erwartungen, die mit diesem Institut verknüpft waren, nicht erfüllen können. In den USA ist Spitzenforschung in den Universitäten verankert und es ist selbstverständlich, dass Top Forscher auch im Bachelor- und Masterprogramm Vorlesungen halten. Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses fängt nicht erst mit der Promotion an. Die besten bestehenden VWL-Fakultäten in Deutschland wären durchaus in der Lage, sich zu international konkurrenzfähigen Top-Departments zu entwickeln, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben würde, Ihre Größe zu verdoppeln und konkurrenzfähige Jobangebote zu machen.

Harald Uhlig deutet diese Möglichkeit selbst im letzten Teil seines Papieres an. Das ist die Richtung, in die wir gehen müssen.

Stephanie Schmitt-Grohe (Duke University): Andere Länder haben versucht, mit ähnlichen Konzepten gute VWL Fakultäten aufzubauen. Ein erfolgreiches Beispiel war die private Hochschule Torcuato di Tela in Buenos Aires. Dort lehrten viele weltbekannte Ökonomen, und während des amerikanischen Sommers kamen viele Wissenschaftler für kurze Lehr- und Forschungsaufenthalte nach Buenos Aires. Im Zuge der großen Wirtschaftskrise in Argentinien Ende 2001 wurde das Geld knapper, und nun sind die Fakultätsmitglieder zum Teil wieder in den USA, an der University of California in Los Angeles und anderswo.

In Spanien gibt es auch ein Beispiel, die Universität Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona. Dort wurde innerhalb von 15-20 Jahren ein Fachbereich mit Weltklasse entwickelt. Er hat viele Merkmale, die sich mit Harald Uhligs Worschlag decken. Ein Problem hatte aber auch UPF lange: Sie konnte einfach nicht mit US Gehältern mithalten.

Harald Uhlig schlägt als Standort Berlin oder Muenchen vor. Ich glaube, Frankfurt wäre eine offensichtlichere Lösung. Die Stadt hat die besten Flugverbindungen nach Europa und in die USA, und EZB wie Bundesbank sitzen direkt nebenan.

Friedrich Schneider (Linz, Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik): Ich halte das Konzept von Harald Uhlig für einen guten Lösungsvorschlag. Die Umsetzung würde endlich ausgewogene sowie konkurrenzfähige Angebote für Spitzenkräfte ermöglichen; wäre dauerhaft Spitzenforschung möglich. Allerdings sehe ich auch einige Schwächen. So bleibt unklar, ob man ein neues Institut gründen oder ein bestehendes ausbauen sollte; ebenso wie die Fragen, ob es an eine bestehende Universität angebunden werden sollte oder nicht und ob des durch den Bund oder die Länder finanziert werden sollte.

Hans-Werner Sinn (Ifo-Institut, LMU München): Eine neue Uni aus der Retorte zu erzeugen halte ich für keine gute Idee. Auch die amerikanischen Unis haben ein Jahrhundert gebraucht, bis sie das wurden, was sie heute sind. Richtig ist aber, dass wir größere Cluster von Forschern brauchen, um die Kommunikation unter ähnlich arbeitenden Wissenschaftlern vor Ort zu ermöglichen. Das ist in der Tat essenziell. Deutschland hat viel zu viele kleine Universitäten. München hat die Clusterbildung durch den CESifo-Verbund zwischen ifo, Fakultät und internationaler Wissenschaftscene ganz gut hingekriegt. Wir sind gerne bereit zu der Modellfakultät zu werden, die Uhlig vorschwebt.

Was Uhlig zu den Wirtschaftsforschungsinstituten sagt, kann ich nicht nachvollziehen, denn die sollen ja nun alles andere als Grundlagenforschung betreiben. Heute sind die Institute zum Teil spitzenmäßig aufgestellt und verbinden in idealer Weise die akademische Forschung mit der praktischen wirtschaftspolitischen Beratung, und genau darin sind sie unschlagbar. Manche der Institute sind selbst bei der akademischen Forschung, die ja nicht ihre Hauptaufgabe darstellt, besser als die meisten deutschen VWL-Fakultäten. Ich empfehle Herrn Uhlig in dieser Sache die Lektüre des Berichts der internationalen Bewertungskommssion zum ifo Institut und zum CESifo Verbund.

Es ist natürlich ein Werturteil, ob die Gesellschaft mehr in die mathematische Grundlagenforschung oder in die politiknahe, angewandte Forschung investieren sollte. Eine einseitige Konzentration auf Ersteres würde uns vielleicht verstärkt in die Top-Journals bringen. Der nach meiner Einschätzung problematische Trend unseres Faches in die Richtung einer übermäßigen Mathematisierung würde dann aber noch verstärkt. Deutschland war traditionell stark bei der Staatswissenschaft und dem, was man die historische Schule nennt. Auch wenn die neoklassische Ökonomie ein überragendes und wichtiges Paradigma hinzugeliefert hat, ohne das man heute nicht mehr sinnvoll argumentieren kann, meine ich doch, dass sich Deutschland ein wenig absetzen sollte. Mit der Fortsetzung und Vertiefung unserer Spezialisierung fahren wir nicht schlecht. Mein Eindruck ist, dass bei der Grundlagenforschung das Feld ziemlich abgegrast ist, dass wir aber bei der zeit- und raumgebundenen Forschung, die sich moderner ökonometrischer und theoretischer Verfahren bedient und diese problemorientiert weiter entwickelt, schneller und besser punkten können. Auch im Hinblick auf die Anerkennung in der internationalen Fachöffentlichkeit fahren wir damit vermutlich besser. Bislang hat dieser Weg ganz gut funktioniert.

Dennis Snower (Kiel): Ich glaube, seine Lösung würde tatsächlich zu einer hervorragenden VWL-Abteilung in Deutschland führen. Damit sie wichtige Impulse für die restliche deutsche Forschung und die Wirtschaftspolitik gibt, ist es natürlich notwendig, das deutsche Universitätssystem fundamental zu reformieren. Dies bedeutet, dass angemessene Studiengebühren erhoben werden müssen, die an die Universitäten fließen, so dass diese Universitäten miteinander konkurrierender können, um die besten Forscher anzuziehen. Dann hätten wir ein System, bei dem möglichst viele Forscher den Anreiz hätten, hervorragende Forschung zu liefern. Ohne solch eine Konkurrenz im Universitätssystem wäre die elitäre Elitefakultät von Herrn Uhlig eine Insel.

Daniel Sturm (London School of Economics): Der Lösungsvorschlag ist interessant, wenn er auch sehr radikal klingt. Das Konzept erinnert ein bisschen an das Forschungsinstitut in Toulouse, an dem ein Großteil der wirklich guten französischen Ökonomen (in Frankreich) sitzt. Wahrscheinlich wäre so ein „graduate institut“ noch eine der realistischsten Varianten, ein wirkliches Top-Department zu gründen. Ein tiefer sitzender Unterschied zwischen dem amerikanischen und deutschen System, den Harald Uhlig sehr gut kennt, den er aber in seinem Papier umgeht, ist die Tatsache, dass viele der besten Institutionen in im angelsächsischen Raum entweder reine oder fast reine Privatuniversitäten sind. Harvard braucht also keine 14 Millionen vom Staat, um ausgezeichnete Forschung zu betreiben. Von einem so amerikanischen Ansatz sind wir natürlich in Deutschland noch mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte entfernt. Vor diesem Hintergrund ist der Vorschlag von Harald Uhlig ein geradezu pragmatischer Kompromiss.

Matthias Sutter (Innsbruck): Die Stärken liegen auf der Hand: die vorgeschlagene Flexibilität und die Orientierung an Weltklasseforschung. Flexible Verträge, frei verhandelbare Lehrverpflichtungen, Forschungsbudgets, die von der Leistung und nicht dem Status oder einer tollen Leistung vor 50 Jahren abhängen, Berufungen ohne Ausschreibung, Orientierung an den weltbesten Zeitschriften – all das würde sehr viel frischen Wind bringen und die Chance erhöhen, dass ein Weltklassedepartment auch in Deutschland entstehen kann. Diese Fokussierung auf nur ein Department stellt aus meiner Sicht aber eine Schwäche dar. Ich halte die von Uhlig selbst ansatzweise erwähnte Alternative für besser, dass sich mehrere Departments in diese Richtung entwickeln. Der Grund für diese Ansicht besteht darin, dass nationaler Wettbewerb durchaus gut tut, und dass außerdem die Ausstattung eines einzelnen Departments mit 14 Millionen Euro mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu allerhand Neid und Querschüssen führen würde. Es ist fraglich, ob das die Rekrutierbarkeit von Weltklasseforschern erleichtern würde.

Klaus F. Zimmermann (DIW, IZA, Uni Bonn): Dass man in wenigen Jahren einen Elitefachbereich aufziehen kann haben uns die Engländer (University College London), die Franzosen (Toulouse) und die Spanier (Pompeu Fabra) vorgemacht. Dies benötigt einen fähigen Kopf, der mit etwas Geld die Restriktionen des lokalen Systems umgeht. Das hat eine von mir geleitete Untergruppe einer Kommission des Wissenschaftsrates schon vor Jahren gemeldet. Erfolgreiche Modelle in Deutschland wie das CES in München oder das IZA in Bonn operieren auf dieser Basis. Auch Lars-Hendrik Röller hat derzeit als Präsident der European School of Management and Technology die Voraussetzungen für einen solchen Erfolg.

Elitefakultäten, wie sie Herrn Uhlig vorschweben, haben aber lange Traditionen, und sie operieren in Eliteuniversitäten, haben also ein viel globaleres Umfeld. Harvard wurde 1636 gegründet. Die Schwierigkeiten, eine Eliteeinrichtung neu zu gründen und auf Dauer zu erhalten, werden klar unterschätzt. Schon die Besetzung der ersten Generation der Professoren ist ein Höllentrip. Der entscheidende Schritt beim Vorschlag von Herrn Uhlig fehlt, die Einbindung in eine starke lokale Wissenschaftsinfrastruktur. Nur die Berliner Wissenschaftslandschaft hat in Deutschland das nötige Potential dafür. Warum sich dort nicht automatisch aus Kooperationen ein starkes Zentrum bildet, ist mir seit langem unklar. Es war ein Fehler, die Eliteuniversität nicht alleine in Berlin zu schaffen.

Keine gute Idee finde ich, das benötigte Geld bei den Wirtschaftsforschungsinstituten zu suchen. Dort wäre die Aufgabe gefährdet, Forschung und Politikberatung zusammen zu halten. Auch überschätzt Herr Uhlig die finanziellen Spielräume der Institute, die nicht grundsätzlich verschieden von denen der Universitäten sind.

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Wie beurteilen Sie den Lösungsvorschlag von Uhlig? Wo sehen sie Stärken und Schwächen der Idee?

Glauben Sie, dass ein Fachbereich mit den von Uhlig skizzierten Bedingungen international wettbewerbsfähig wäre und ein attraktiver Arbeitgeber für internationale Top-Ökonomen wäre?

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