Hans-Jörg Bullinger

„Deutschland fehlt die Dynamik“

Der Ex-Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft wirft der deutschen Forschung mangelnde Dynamik vor. Sie müsse sich dem internationalen Leistungsdruck stellen – und dort forschen, wo deutsche Firmen produzieren.
7 Kommentare
Bis September war Hans-Jörg Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Quelle: dpa

Bis September war Hans-Jörg Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

(Foto: dpa)

Herr Bullinger, Sie haben zehn Jahre den wichtigste Forschungspartner der deutschen Wirtschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft geleitet. Wo stehen Sie heute?
Viele Länder beneiden uns. Selbst Präsident Obama steckt nun eine Milliarde Dollar in die Produktionsforschung – nach dem Vorbild von Fraunhofer. Auch in Frankreich werden solche Institute eingerichtet. Wir sind die am schnellsten wachsende Forschungsorganisation: In einem Jahrzehnt haben wir das Personal auf 20 000 Leute und den Umsatz auf knapp zwei Milliarden Euro verdoppelt. Selbst in der Krise 2008/09 haben wir 3000 Forscher eingestellt. Wir erwirtschaften zwei Drittel durch Fremdaufträge: der Bedarf der Wirtschaft ist ungebrochen.

Und nun?
...müssen wir unter anderem an der besseren Verwertung unserer Patente und Lizenzen arbeiten. Und uns schnell international aufstellen. Wir sind zwar seit 17 Jahren in USA aktiv und forschen dort für deutsche und amerikanische Unternehmen, aber das ist nur ein Anfang.

Sie verdienen jeden fünften Euro im Ausland – gemessen an anderen Instituten und Unis ist das viel.
Nicht genug. Wenn sich die Wirtschaft globalisiert, ist es naiv zu glauben, die Wissenschaft könne zurückbleiben. Wenn deutsche Unis und Forschungseinrichtungen wirklich so gut sind, wie wir uns dauernd gegenseitig bescheinigen, müssen sie sich fragen, warum niemand weltweit bei ihnen forschen lässt. Konzerne wie Daimler oder Bosch lassen zunehmend im Ausland forschen. Wir müssen über den nationalen Tellerrand hinausblicken und uns dem internationalen Leistungsdruck stellen. Fraunhofer ist dabei, sich in eine europäische Gesellschaft zu wandeln. Unsere Kunden sind international aktiv, also müssen wir es auch sein.

Deutsche Forschung ist teuer…
Wir müssen natürlich raus und dort forschen wo deutsche Firmen produzieren. Wenn wir vor Ort mit Einheimischen zu örtlichen Preisen deutsche Forschungsqualität liefern, sind wir unschlagbar. Das kann auch eine Universität: Die TU München forscht neuerdings in Saudi-Arabien und hat dort sogar einen Auftrag gegen Harvard gewonnen. Damit ist sie aber absoluter Pionier.

Jeder für sich allein?
Nein. National müssen wir das Wissenschaftssystem besser vernetzen. Die Probleme werden immer komplexer, da kann keiner mehr Alleinlösungsanspruch erheben. Die Exzellenzinitiative hat segensreich gewirkt, braucht aber eine intelligente Anschlusslösung. Dringend nötig ist auch die blockierte Verfassungsänderung, damit der Bund Unis direkt fördern kann. Und wir brauchen bessere Kriterien, um Forschung zu messen. Für Unis ist noch immer die Zahl der Veröffentlichungen das Nonplusultra. Aber viele Aufsätze werden von den referierten Fachzeitschriften erst Jahre nach Annahme gedruckt – da ist in der Wirtschaft das Produkt längst fertig.

„Sorge macht mir nicht die Ausgangslage“
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

7 Kommentare zu "Hans-Jörg Bullinger: „Deutschland fehlt die Dynamik“"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Warum? LaRouche ist kein Humanist und nicht progressiv, sondern ein Träumer. Besonders lustig fand ich seine Wahlwerbespots in den 80ern mit seiner Frau.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Wo er Recht hat, hat er Recht.

    Es nützt überhaupt NICHTS, wenn Wissenschaftler und Institute ständig "beweihräuchern" und "gegenseitig über den Klee loben", aber Kunden die Forschungseinrichtungen nicht beauftragen. Auch an einer Theorieforschung auf Papierveröffentlichungsniveau ist keine Firma wirklich interessiert.
    Produkte müssen innovativ besser werden - nur das interessiert.Es interessiert sich im Markt durchzusetzen, das zählt.

    NICHT DIE BOHNE interessiert es aber den Kunden, welcher Name, Titel oder hierachische Rang die Innovation einbrachte. NOCHMAL deutlich... das interessiert NIEMANDEN. Keine Kunde zahlt dafür.

  • Es ist interessant, dass Herr Bullinger von einer "Professorenbesoldung von 130 000" spricht - da sind die 60 000 Euro Zulage wohl schon enthalten; ein Blick auf die Besoldungstabellen http://www.hochschulverband.de/cms1/fileadmin/redaktion/download/pdf/besoldungstabellen/Besoldungsdurchschnitt.pdf zeigt nämlich, wie niedrig (i.R. habilitierte) Universitätsprofessoren mittlerweile besoldet werden - mit Jahresbruttogehältern von 71 000-84 000 Euro. Es stünde dem Handelsblatt gut an, etwas sauberer zu formulieren oder aber selber nachzurecherchieren.

  • @SayTheTruth

    Sorry, ich will hier keineswegs das Wort für Obama erheben, er hat auch genug Mist gemacht.

    Aber das die Wirtschaft in AmiLand nicht anspringt und die Verschuldung steigt ist wie jeder weiss nich seine Schuld.
    Es sind die Erblasten dieses texanischen Kuhhirten.

    [...]. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Sie wollen den alten Konservativismus, der nur WENIGE ganz oben ließ wie BGates, WBuffet und die Rockefeller-Nachkömmlinge usw und die anderen sollen ihre 2-3 Jobs ohne Sozi-Versicherung bis zum Herzinfarkt schieben. Egal, welche gesundheitliche Konstellation gegeben ist.
    Natürlich sind die Zahlen horrent. Die alten Modelle passten in die alte Welt aus politisch geteilten "Unterwelten". Sie waren ein Kampf gegeneinander, der mit 1989 aufgelöst wurde. Von den Unteren selbst. Jetzt jammern sie. Ihre Sentimentalität ist berührend aber destruktiv. Man müsste an vielen Ecken anfangen: Nahrungsmittelpreise vom Börsenparkett abziehen um Hungerkatastrophen zu vermeiden; gleichm medizinische Versorgung ohne hohe Kosten - weltweit...aber man denke an Nordkorea...nur Schaumträume..

  • Ich mache mir Sorgen um die USA wenn Obama noch 4 Jahre weiter regiert. Die aktuelle Umwälzung der Welt zu einer "new world order" bringt nur totalitäre Strukturen zu Stande und staatlich abhängige Bevölkerungs-Gruppen (Hartz4, Obama-care usw.). Mit der Freiheit verliert die Welt auch ihren inneren Antriebs-Motor und das ist auch die Schuld von Obama.

    Ausserdem hat er das US-defizit von 10 auf 16 trillion-dollar erhöht. In nur 4 Jahren. Das hat auch kein anderer Präsident vor ihm "geschafft".

    Mitt Romney wird der bessere Präsident, da bin ich mir sicher. Er wirkt vielleicht etwas "old school" - aber diesen gut bewährten berechenbaren Konservatismus brauchen wir dringend wieder. Die "sozialistischen Geldverschenker" a la Obama haben schon zuviel "Balancen ins Negative" verschoben.

    (wohlgemerkt, "trillion-dollar" sind Billionen Dollar in Europa. Die Amerikaner kennen keine Milliarde, da kommt nach "million" gleich "billion")

    Fazit: Kommunismus und Planwirtschaft ersticken die Initiative jedes Einzelnen. Alles kommt zum Erliegen. Keiner riskiert mehr etwas oder ergreift Initiative zu Veränderung ... WEIL JA SOWIESO ALLES VON OBEN VERODNET WIRD. Das ist wie Sauerstoff abstellen und mit Narkosegas austauschen. Alles schläft bis zur Verblödung. Das ist das Rezept "Obama" - davon müssen wir wieder weg !

    Wie sagen die Amerikaner ? "we are losing the edge !"

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%