„Happiness Economics“
Das große Nullsummenspiel

Das Bild ist in fast allen Industrieländern gleich: Die heutige Generation ist sehr viel reicher als die ihrer Eltern und Großeltern – aber keineswegs mit ihrem Leben zufriedener. Nun können Ökonomen endlich erklären, warum das so ist.

FRANKFURT. Dem US-Ökonomen Richard Easterlin ist dies 1974 zum ersten Mal aufgefallen. Doch die traditionelle Ökonomie hat jahrelang um dieses Paradoxon einen Bogen gemacht. Denn die etablierte Wirtschaftswissenschaft trifft es ins Mark. Deren typische Grundannahme ist: Die Menschen maximieren ihren Nutzen – und in ökonomischen Fragestellungen ist dieser umso größer, je höher das eigene Einkommen ist. Wenn das so wäre, müsste eine Generation, deren Einkommen und Vermögen doppelt so hoch ist wie das ihrer Eltern, auch merklich zufriedener sein.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich eine neue ökonomische Disziplin namens „Happiness Economics“ etabliert. Ihre Vertreter nutzen die immer umfangreicheren Umfragen zur Lebenszufriedenheit und Laborexperimente, um der Frage nachzugehen, was die Menschen wirklich um- und antreibt.

Die Forschungsleistung dieser Fachrichtung nimmt exponentiell zu. Seit 1994 erschienen im Schnitt pro Jahr in ökonomischen Fachzeitschriften 35 Aufsätze, die Glück oder Lebenszufriedenheit im Titel führten, hat der britische „Glücks-Ökonom“ Andrew Clark ermittelt. Vorher waren es nur etwa drei pro Jahr. Zu den bekanntesten Vertretern der Disziplin gehören neben Easterlin Bruno Frey (Zürich), Richard Layard (London School of Economics), Andrew Oswald (Warwick) und Daniel Kahneman (Princeton).

Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse: Die meisten Menschen interessieren sich weit mehr für ihre relative Einkommensposition als für ihr absolutes Einkommen. So auch Harvard-Studenten in einem berühmten und immer wieder betätigten Experiment. Die Studenten wurden gefragt: Würden Sie lieber 50 000 Dollar verdienen, wenn das Durchschnittseinkommen bei 25 000 Doller liegt – oder bei gleichem Preisniveau lieber 100 000 Dollar, wenn alle anderen 200 000 Dollar bekommen? Die große Mehrheit der Befragten entschied sich für die erste Variante.

Oberhalb eines Existenzminimums ist Einkommen für uns offenbar nicht in erster Linie wegen zusätzlicher Konsummöglichkeiten wichtig – sondern weil es direkt und indirekt unseren Status in der Gesellschaft bestimmt.

Wer sein Einkommen steigert, wird tatsächlich – statistisch betrachtet – zufriedener mit seinem Leben, haben Glücksökonomen festgestellt. Aber: Wenn andere mehr verdienen, werden diejenigen, die ihr Einkommen nicht steigern, unzufriedener. Das erklärt einiges von dem Easterlin-Paradox. Denn die Summe der Rangplätze innerhalb einer Vergleichsgruppe ist fix. Was einer an Status gewinnt, verlieren die anderen.

Seite 1:

Das große Nullsummenspiel

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%