Harvard-Ökonom Amartya Sen
„Die Welt ist nicht flach“

Wie kein anderer Ökonom versucht Amartya Sen, Markt und Moral zu verbinden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger setzt sich bewusst vom Bestsellerautor Thomas Friedman ab und warnt vor kulturellen Konflikten. So auch bei seinem jüngsten Vortrag an der Uni Köln. Die eindringliche Botschaft: „Die sonnigen Tage sind vorbei. Sogar in Europa.“
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KÖLN. Wenn der Harvard-Ökonom Amartya Sen an der Uni Köln einen Vortrag über das etwas schwammige Thema „ein auf Freiheit basiertes Verständnis multikultureller Verpflichtungen“ hält, ist der Andrang so groß, dass Aula I und Aula II zu einem großen Saal verbunden werden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger lockt viele Menschen an. Etwa Oliver Adria, einen Studenten der Elektrotechnik, der hinterher zugibt, von der Rede des Harvard-Professors immerhin drei Dinge verstanden zu haben. Oder Shailaja Javeri, die Sens Bücher seit Jahren liest, weil er darin Armut und andere Probleme ihres und seines Heimatlandes Indien thematisiert. Oder den Stadtplaner Klaus Jürgensen, der sich beruflich mit dem Leitbild Kölns beschäftigt – einer Stadt also, die sich selbst als multikulturell versteht, in der aber jüngst heftig über den Bau einer neuen Moschee gestritten wurde.

Aber ein Vortrag Sens interessiert nur verhältnismäßig wenige Wirtschaftswissenschaftler – denn an der Uni Köln stehen seine Bücher, in denen es um Ökonomie, Freiheit und Ungleichheit geht, eher selten auf der Leseliste. Und das, obwohl Sen 1998 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Philosophen schätzen ihn dafür umso mehr. So sehr, dass ihm die Düsseldorfer „Identity Foundation“ für seine Arbeiten zum Thema Globalisierung am Mittwochabend in Köln den „Meister-Eckhart-Preis“ verliehen hat, eine der angesehensten deutschen Auszeichnungen für die Philosophie. Sen ist der erste Ökonom, der den mit 50 000 Euro dotierten Wissenschaftspreis bekommt. Der 74-Jährige habe die Globalisierungsdebatte um soziale, kulturelle, aber auch ökonomische Aspekte bereichert, hieß es in der Begründung der Jury. Sen sei „ein global Player der Philosophie“, lobte Paul Kothes, Mitbegründer der Stiftung.

Bewusste Abgrenzung von Friedman

Damit verkörpert der Ökonom Sen in der Tat eine interessante Mischung: Zum einen vertraut er auf das Potenzial von Marktwirtschaft und Globalisierung, zum anderen begründet er sie mit Moral und Werten. Auch wenn er sich längst nicht so aufopfere wie Mutter Teresa, mit der er mitunter verglichen wird, fühle er sich doch ähnlichen Zielen verpflichtet, sagte Sen in Köln. Wie wichtig Sen die Verbindung von Markt und Moral ist wurde auch in seiner Preis-Vorlesung deutlich. Darin beschrieb Sen die Vorteile der Globalisierung, etwa weil sie Ländern erlaube, sich zu spezialisieren. „Aber ist die Form, in der die Globalisierung abläuft, richtig?“ zweifelte Sen und kritisierte die Ungleichheit in den Machtverhältnissen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, in denen die wichtigen Positionen vor allem von Industriestaaten besetzt werden.

Er grenzte sich bewusst vom Bestsellerautor Thomas Friedman ab, der in seinem aktuellsten Buch die Erde als flaches Spielfeld beschreibt, in dem alle Spieler unter gleichen Bedingungen konkurrieren. „Die Welt ist nicht flach“, sagte Sen, „es gibt große globale Ungleichheiten.“

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