Heikle Personalie
Bankenkritiker wird Citigroup-Chefvolkswirt

William Buiter nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Professor der Eliteuniversität London School of Economics glänzte bislang mit radikalen Ideen zur Lösung der Finanzkrise. Jetzt wird Buiter Chefvolkswirt der Citigroup - die hatte er noch im Frühjahr scharf kritisiert. Was die Personalie bedeutet.
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LONDON. Ob sich Vikram Pandit, seines Zeichens Chef der US-Großbank Citigroup, wirklich genau überlegt hat, wen er sich da ins Nest holt? Das angeschlagene Geldhaus von der Wall Street hat einen neuen Chefvolkswirt engagiert, aber nicht irgendeinen: Ausgerechnet Willem Buiter soll es werden, jener Professor der Eliteuniversität London School of Economics, der während der Finanzkrise nicht gerade als Freund der Banken aufgefallen ist. Im Gegenteil, in den vergangenen Monaten produzierte der gebürtige Niederländer am Fließband radikale Ideen zur Lösung der Finanzkrise.

Anfang des Jahres präsentierte er zum Beispiel einen "bescheidenen Vorschlag", der de facto auf die zumindest vorübergehende Zwangsverstaatlichung des britischen Bankensystems hinausgelaufen wäre. Der Staat müsse alle Großbanken übernehmen, dann sollten alle toxischen Wertpapiere in eine "Bad Bank" ausgelagert und die alten Geldhäuser völlig neu gegründet werden, forderte Buiter in einer seiner Kolumnen für die Wirtschaftszeitung "Financial Times".

Auch der künftige Arbeitgeber bekam schon sein Fett weg

Ob solche radikalen Forderungen zur Kultur einer noch immer statusbewussten Großbank wie der Citigroup passen? Buiters künftiger Arbeitgeber war einmal die wertvollste Bank der Welt, auch wenn das Institut nach milliardenschweren Verlusten im Zuge der Finanzkrise mittlerweile zu 34 Prozent dem amerikanischen Staat gehört.

Auch Buiter sind die Probleme der US-Bank nicht verborgen geblieben. Im Frühjahr nannte er die Citigroup in seinem Blog "eine Sammlung der schlimmsten Geschäftspraktiken aus dem gesamten Spektrum der Finanzbranche".

Im Juni setzte er noch einen drauf: Als der britische Premier Gordon Brown den ehemaligen Citigroup-Chairman Win Bischoff mit einem Bericht zur Reform der Finanzindustrie auf der Insel beauftragen wollte, war das für Buiter "die lächerlichste Personalentscheidung, seit der römische Kaiser Caligula sein Pferd zum Senator machte".

Inzwischen hört sich das etwas moderater an. Er habe sich für die Citigroup entschieden, weil die Bank nach der Finanzkrise ihren Kurs radikal geändert habe, sagte der künftige Chefvolkswirt. Außerdem passe der weltweite Anspruch der US-Bank gut zu seiner internationalen Ausrichtung als Forscher.

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