Hochschulen
Frust im Elfenbeinturm

Eine Exklusiv-Umfrage zeigt: Der wissenschaftliche Nachwuchs ist hochgradig unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen an deutschen Unis. Die Reformen der letzten Jahre habe vieles nur noch schlimmer gemacht. Gute Beziehungen sind nach Ansicht der jungen Wissenschaftler für die eigene Karriere viel wichtiger als exzellente Forschung.
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"Freiwillig zurück in den Sozialismus?" Die Kollegen an der Stanford University verabschiedeten Bernd Fitzenberger mit einem kräftigen Schuss Zynismus, als sich der junge Ökonom wieder in Richtung deutsche Heimat aufmachte. Weniger Freiheit, mehr Verpflichtungen - Fitzenbergers Entscheidung konnten die US-Wissenschaftler nicht nachvollziehen. Seither sind 16 Jahre vergangen. "Inzwischen haben sich die Arbeitsbedingungen für Forscher in Deutschland erheblich verbessert - international wettbewerbsfähig sind sie allerdings noch immer nicht", sagt der Freiburger Ökonomie-Professor heute.

Kein Wunder, dass beim wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland der Frust grassiert, wie eine großangelegte Umfrage zeigt. Mit Unterstützung des Handelsblatts haben Fitzenberger und seine Mitarbeiterin Ute Leuschner fast 1 200 Forscher in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angeschrieben, die zwischen Promotion und Professorenstelle stehen. Fast die Hälfte dieser "Post-Docs" hat sich an der Umfrage beteiligt. Ein gutes Drittel ist als wissenschaftlicher Assistent beschäftigt, ein knappes Drittel habilitiert. Sieben Prozent sind Juniorprofessoren, elf Prozent akademische Räte.

Gerade einmal die Hälfte aller befragten Forscher beschreibt die Anreize, "hervorragende akademische Forschung zu betreiben", in seinem gegenwärtigen Job als sehr oder doch zumindest eher stark.

Das habe sich auch durch Reformen wie die Einführung von Juniorprofessuren nicht geändert, klagt die Mehrheit. Fast jeder dritte Nachwuchswissenschaftler ist sogar der Meinung, dass sich die Anreize durch die Reformen verschlechtert haben. Die Gruppe, für die es durch die Reformen attraktiver geworden ist, gute Forschung zu betreiben, ist damit in der Minderheit.

Deutlich größeren Einfluss als die deutschen Hochschulreformen hat der zunehmende Wettbewerb im Ausland auf die Motivation der hiesigen Wissenschaftler. Die Hälfte aller Post-Docs gab an, dadurch motivierter zu sein.

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