Informationsmarktplätze im Internet
Die Weisheit der Massen

Prognosebörsen liefern oft bessere Vorhersagen als Experten – Neuerdings kommen sie auch in Unternehmen zum Einsatz.

Alles beginnt mit einem fetten Ochsen. Wir schreiben das Jahr 1906: Auf dem Viehmarkt im westenglischen Plymouth können Viehhändler, Bauern und Metzger bei einem Gewinnspiel das Gewicht des Ochsen raten.

Der Wissenschaftler Francis Galton beobachtet das Geschehen und stellt fest: Auch erfahrene Experten liegen oft weit daneben. Bildet man aber von allen Schätzungen den Durchschnitt, ergibt sich eine genaue Prognose. Im Mittel liegen die Schätzungen bei 1197 Pfund – das tatsächliche Gewicht des Tieres beträgt 1198 Pfund. Die Masse ist intelligenter als der einzelne – Galton ist fasziniert von dieser Erkenntnis und spricht fortan von der „Vox Populi“, der Stimme des Volkes.

Heute, 100 Jahre später, entdecken immer mehr Wissenschaftler, Markt- und Meinungsforscher dieses Prinzip wieder. Dank des Internet ist es inzwischen möglich, den Sachverstand einer Vielzahl von Menschen einfach anzuzapfen – für die Prognose von Wahlausgängen, Konjunkturindikatoren und Sportergebnissen.

Ökonomen haben dafür ausgefeilte Instrumente entwickelt, die wie Aktienbörsen funktionieren. Nur werden an diesen virtuellen Prognose-Marktplätzen keine Unternehmensanteile gehandelt, sondern Erwartungen – zum Beispiel, welchen Präsidentschaftskandidaten die US-Demokraten 2008 ins Rennen schicken oder wie sich der Ölpreis entwickeln wird.

Wer auf einer solchen Prognosebörse aktiv wird, bringt seine Einschätzung durch An- und Verkauf von virtuellen Wertpapieren zum Ausdruck. Die Akteure können damit häufig echtes Geld verdienen: Je treffsicherer ihre Prognose, desto höher die Auszahlung. Dies liefert den Anreiz, keine Phantasie-Einschätzungen abzugeben. „Nicht die persönliche Meinung eines Händlers ist gefragt, vielmehr wird er für eine möglichst realistische Einschätzung der Situation belohnt“, sagt Christof Weinhardt, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Karlsruhe.

Die Stärken der Prognosebörsen offenbarte sich bei Bundestagswahl 2005: Der „Political Stock Market“ der Karlsruher Forscher sagte den Absturz der CDU/CSU besser vorher als Meinungsumfragen. Diese prognostizierten der Union rund 40 Prozent – die virtuelle Prognosebörse dagegen 38,5 Prozent.

Seite 1:

Die Weisheit der Massen

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%