Interview Axel Ockenfels
„Roth war nie im Elfenbeinturm“

Alvin Roth ist neuer Wirtschafts-Nobelpreisträger. Kaum einer kennt ihn so gut wie sein Ex-Assistent Axel Ockenfels. Der erklärt Handelsblatt Online wie der US-Ökonom arbeitet – und wie dessen Theorie in der Krise hilft.
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Herr Ockenfels, Sie waren als Postdoc bei Alvin Roth und haben schon sechs Paper mit ihm zusammen publiziert. Was zeichnet den Nobelpreisträger vor allem aus?
Seine Schnelligkeit. Es ist unglaublich, in welchem Tempo er denkt und agiert. Das hat er heute schon wieder bewiesen (lacht…). Kaum gratulierte ich ihm per Mail wenige Minuten nach Bekanntgabe der Laureaten, antwortete er. In Harvard, wo ich sein Postdoc war, hat er eine tägliche Kaffeepause eingeführt, jeden Morgen um 10 h stand er auf dem Flur. Nicht alle Studenten kamen jeden Tag vorbei – aber Al war immer da.

Ich dachte damals, ich würde nie verstehen, wie viel er publiziert – und wie viel Zeit er sich trotzdem immer für jeden Einzelnen nahm. Er hatte immer ein offenes Ohr und legte mit seinen Rückfragen den Finger in die Wunde. Dann saßen wir Wochen in unserem Büro, um die Anregungen umzusetzen…

Der Elfenbeinturm ist also nicht gerade das Zuhause des Professors?

Im Gegenteil. Er verbindet Menschen und Märkte. Er agiert mit seiner Forschung wie ein Brückenbauer. Al geht immer einen Schritt weiter. Während die Forscher, die sich um Mechanism Design kümmern, fragen, wie sich ein gewünschtes Ergebnis durch die Änderung von idealisierten Spielregeln bei perfekt rationalem Verhalten erreichen lässt, geht er einen Schritt weiter: Im Market Design, das er stark geprägt hat, geht es um die Frage, wie reale Institutionen gestaltet sein müssen, um bei realem Verhalten bestmögliche Ergebnisse zu erzielen.

Können Sie das weniger abstrakt erklären?

Lassen Sie es mich am Beispiel erklären, das auch das Nobelpreiskomitee in Stockholm genannt hat: der Zuteilung von Praktikanten auf Krankenhäuser. Um dieses Problem zu lösen, wurden eine Reihe von Theoremen entwickelt. Die waren sehr elegant, aber zuweilen praxisuntauglich. Sie haben beispielsweise die Wünsche von Ehepartnern missachtet, in der selben Klinik zu arbeiten. Ehepaare sahen diese Theorien nicht vor. Al hat Algorithmen entwickelt, die zwar komplizierter sind, aber in der Praxis auch funktionieren.

Was verbindet die Arbeiten von Alvin Roth und Lloyd Shapley?

Shapley hat die Grundlagen gelegt, auf denen Roth viele Jahrzehnte später aufgebaut hat.

„Realität außerhalb des Elfenbeinturms ist anstrengend

Hat Sie die Entscheidung aus Stockholm überrascht? Immerhin stecken wir seit Jahren in einer weitgehend ungelösten Wirtschaftskrise – und nun werden zwei Grundlagenforscher für ihre spieltheoretischen Erkenntnisse geehrt.

Sie haben den Preis beide hochverdient – und behandeln aus meiner Sicht durchaus Fragen, die letztlich bei der Lösung der Krise helfen könnten. Ben Bernanke hat kürzlich in einer Rede gesagt, das Kernproblem der Krise sei, dass es den Ökonomen an Wissen darüber mangelt, wie die theoretischen Ergebnisse auch umgesetzt werden können. Genau da setzt das Market Design ja an – wir wollen Forschung und Realität zusammen bringen, von den Praktikern lernen. Alvin Roth hat beispielsweise als einer der ersten auch mit Psychologen zusammengearbeitet.

Woran haben Sie beide zuletzt gearbeitet?

Wir haben uns mit Auktionen beschäftigt. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die das Ergebnis einer bis zu einer Woche dauernden Auktion in der letzten Sekunde auf den Kopf stellen kann. Es ist zum Beispiel elementar, ob eine Auktion ein festes oder weiches Ende hat, auch bei Online-Versteigerungen. Das klingt logisch – die Implikationen für modernes und komplexes Auktionsdesign waren aber lange Zeit unverstanden. Wir haben in Köln in den letzten Jahren eines der weltweit führenden Zentren für das Fach "Economic Engineering" aufgebaut, wo wir solche und andere Probleme aus der Praxis wissenschaftlich untersuchen. Al hat uns dazu maßgeblich inspiriert.

Woran liegt es, das Ökonomen dieses Gebiet vernachlässigen? Ignoranz? Unkenntnis?

Da muss unsere Zunft selbstkritisch sein. Viele Ökonomen mögen nun mal nichts, was ihre Theorien 'verschmutzt'. Auch ist die Realität außerhalb des Elfenbeinturms und der Laboratorien anstrengend. Das macht sie leider immer noch unbeliebt.

Kommentare zu " Interview Axel Ockenfels: „Roth war nie im Elfenbeinturm“"

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  • Guten Tag.

    Was Herr Prof. Ockenfels schreibt bzw. beschreibt, ist durchaus verständlich geschrieben. Nur, es ist nichts Neues. Die "Rational Choice Theory" ist doch längst widerlegt und es gibt kein rationales Verhalten beim Menschen und es gibt auch kein optimales Umfeld, in dem solcher Art Entscheidungen gefällt werden. Bezogen auf die praktische Ökonomie, also das Handeln von Unternehmen, können diese eben nicht durch theoretische Modelle der Wirtschaftswissenschaft, entsprechend dem tatsächlichen Verlauf und Ergebnis der Handlungen von Unternehmen, vorhergesagt werden. In dem Sinne wäre es wünschenswert, wenn an den Universitäten noch viel näher an der Praxis orientiert und Interdisziplinär (Fachübergreifend) gelehrt würde.

    Dr. Lorenz H. Becker (MBA)

  • Nee, ist klar. Sowas wie das New England Program for Kidney Exchange, das Roth (mit-)designt hat ist natuerlich total laecherlich. Hilft ja auch nur bei sowas Trivialem wie der Allokation von Spenderorganen...

  • Hört sich alles ziemlich lächerlich an.

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