Interview mit Bonner Nobelpreisträger
Reinhard Selten: "Menschen kämpfen oft mit sich selbst, wenn sie entscheiden"

Im Interview mit Handelsblatt.com erklärt der einzige deutsche Ökonomie-Nobelpreisträger, warum die traditionelle mikroökonomische Theorie seiner Ansicht nach überholt ist und was an ihre Stelle gesetzt werden sollte.
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Herr Professor Selten, Sie kritisieren die traditionelle mikroökonomische Theorie. Warum?

Die ökonomischen Mikrotheorie ist bis heute gekennzeichnet durch den Optimierungsansatz. Doch Experimente zeigen, dass dieser schon bei einfachen Problemen nicht zutrifft. Und in der Realität trifft er schon gar nicht zu. Die neoklassische Optimierung muss durch etwas anderes ersetzt werden, wenn man weiterkommen will in der Erklärung ökonomischen Verhaltens.

Welche weiteren Bausteine sind erforderlich für eine Mikrotheorie, die den Optimierungsansatz wirklich ersetzen kann?

Das kann man bislang noch gar nicht absehen. Was alles dazugehört, wird man erst mit den weiteren Forschungsfortschritten erfahren. Menschen denken über Probleme meist qualitativ nach, viele Probleme und Entscheidungen sind überhaupt nicht quantifizierbar. Auch wirtschaftspolitische Diskussionen basieren meist auf qualitativen Aussagen. Und man muss verstehen, wie das vor sich geht. Das ist auch eines der Ziele die wir in Bonn verfolgen. Es geht zum Beispiel auch darum, wie Menschen auf der Grundlage von Fallunterscheidungen entscheiden, oder wie sie überhaupt Ziele bilden. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass Menschen oft einen inneren Konflikt erleben, wenn sie sich für etwas entscheiden müssen. Der Homo oeconomicus maximiert ganz klar seinen Nutzen, aber Menschen kämpfen oft mit sich selbst, wenn sie entscheiden. Das wird in der Ökonomie nicht thematisiert, aber auch das müssen wir verstehen.

Wird die Annahme purer Rationalität in Zukunft überhaupt keine Berechtigung mehr haben?

Sie ist ein ideales Konstrukt. Und sie war eine Zeitlang ganz nützlich, wenn es um relativ einfache Entscheidungen geht. Wenn man zum Beispiel 10, 20 oder 50 Euro zur Auswahl hat, maximiert man eindeutig. Für ganz einfache Entscheidungen dieser Art ist die Rationalitätsannahme sinnvoll. Aber der größte Teil wichtiger Entscheidungen ist eben nicht mit dieser simplen Logik zu erklären.

Bislang gibt es in der ökonomischen Forschung und auch in der Lehre mitunter heftigen Widerstand gegen die Verletzung der Rationalitätsannahme. Wie soll sich die neue mikroökonomische Theorie, an der Sie mitarbeiten, durchsetzen?

Der Widerstand liegt zum Teil daran, dass noch nicht genügend Theorie entwickelt worden ist. Aber man muss ja einmal damit anfangen, eine neue Theorie zu entwickeln. Und in der Lehre kann man sehr gut auch Modelle eingeschränkter Rationalität erklären. Ich selbst habe vor meiner Emeritierung drei Vorlesungen über eingeschränkte Rationalität gehalten und würde das sehr gern wieder tun. Doch der Prüfungsaufwand, um Hunderte von Klausuren zu korrigieren, ist mir zu hoch.

Eingeschränkte Rationalität spielt vor allem in der Mikroökonomie eine Rolle. Ist sie für die Makroökonomen nicht interessant?

Sie kann auch in der Makroökonomie eine große Rolle spielen. Zum Beispiel, um zu verstehen, warum Wechselkurse unvorhersehbar sind, oder wie Schocks entstehen. Die Makroökonomie ist geprägt von den Entscheidungen ganz weniger Personen mit großem Einfluss. Beispiele sind die Notenbanker, der Wirtschaftsminister oder Vorstandsvorsitzende großer Unternehmer. Wir müssen also auch verstehen, wie diese Leute entscheiden.

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