Interview mit dem Ökonomen Jagdish Bhagwati
„Finanzindustrie hat zu viel Einfluss“

Jagdish Bhagwati gilt als Guru der Globalisierung und ist einer der weltweit führenden Ökonomen. Im Interview mit dem Handelsblatt kritisiert der Inder das Netzwerk einer Machtelite aus Politik und Finanzwirtschaft. Dieses bringe die gesamte Globalisierung in Verruf.

Handelsblatt: Herr Bhagwati, die Finanzkrise bringt die gesamte Marktwirtschaft in Verruf. Schreiben Sie schon an einem Buch zur Verteidigung des Kapitalismus?

Jagdish Bhagwati: Nein, das wird nicht nötig sein. Viele Leute ziehen voreilige Schlüsse aus der Krise. Mein Fakultätskollege Joseph Stiglitz meint zum Beispiel, die Krise sei für den Marktfundamentalismus das, was der Fall der Berliner Mauer für den Kommunismus gewesen ist. Das halte ich für überzogen.

Warum?

Die Geschichte zeigt: Der Finanzmarkt neigt immer wieder zu Krisen, insgesamt aber funktioniert der Kapitalismus sehr gut. Der Finanzmarkt und der Gütermarkt sind zwei paar Schuhe. Ich halte es für lächerlich, nun zu sagen, die Krise demonstriere grundsätzlich das Scheitern freier Märkte. Schütten Sie das Handels-Baby nicht mit dem Badewasser der Finanzkrise aus.

Was unterscheidet denn die Finanz- von der Realwirtschaft?

Innovationen haben in den beiden Welten einen völlig anderen Charakter. Auf dem Gütermarkt können Sie davon ausgehen, dass Innovationen eigentlich immer für die Konsumenten und die Welt gut sind. Problematisch ist nur das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nannte: Einzelne Unternehmen verschwinden, weil Konkurrenten bessere Produkte anbieten. In der Finanzbranche ist das anders. Dort sind Innovationen nicht per se gut, sie können auch destruktiv sein - auch deshalb, weil neue Finanzprodukte so kompliziert sind, dass sie kaum noch jemand versteht. Wohin das führt, erleben wir gerade: Finanzinnovationen, in denen faule Kredite versteckt sind, sind der Kern der Krise.

Was kann man dagegen tun?

Wir benötigen eine bessere staatliche Aufsicht über die Finanzbranche - und weniger Einfluss der Finanzindustrie auf die Politik. Im Moment besteht zwischen Wall Street und dem amerikanischen Finanzministerium eine viel zu große Nähe. Ein Beispiel dafür ist US-Finanzminister Henry Paulson, der vorher Chef von Goldman Sachs war. Solche Karrieren sind keine Ausnahme. Diese Nähe führt dazu, dass die Wall Street das durchsetzt, was gut für ihr Geschäft ist. Ich nenne das den Wall-Street-Finanzministeriums-Komplex.

Das klingt nach Verschwörungstheorie.

Ist es aber nicht. Was ich meine, ist: Die Leute an der Wall Street und im US-Finanzministerium sprechen die gleiche Sprache, teilen die gleichen Ansichten und Werte - und nehmen irrtümlich an, dass jede Finanzinnovation gut ist. Sie machen sich dafür stark, die Finanzbranche möglichst weit zu öffnen. Andere Meinungen werden nur von Leuten vertreten, die nicht Teil dieses Netzwerkes sind und deshalb kein Gehör finden.

Was ist die Alternative?

Wir brauchen ein wirklich unabhängiges Aufsichtsgremium. Darin müssen Leute sitzen, die einerseits viel vom Finanzmarkt verstehen, andererseits aber nicht Teil des Komplexes aus Wall Street und Finanzministerium sind. Zum Beispiel ein Ken Rogoff aus Harvard, ein Robert Shiller aus Yale oder ein Ben Bernanke - wenn er nicht Chef der US-Notenbank wäre.

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