Interview mit IAB-Chef Joachim Möller
"Rechts-Links-Schema in der Ökonomie ist überholt"

Joachim Möller, der neue Chef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, beklagt im Handelsblatt-Interview die mangelnde Qualität der ökonomischen Politikberatung in Deutschland. Außerdem erklärt er, warum er längst nicht alles in der Wirtschaftspolitik dem Markt überlassen möchte - und wieso er in seinen Studien gerne widerlegt werden würde.

Handelsblatt: Herr Professor Möller, in ihrer Einführungsvorlesung als Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben Sie jüngst die ökonomische Politikberatung kritisiert. Was stört Sie?

Möller: Das größte Problem ist, dass die Qualitätskontrolle fehlt. Zahlreiche ökonomische Studien, die viel Medienresonanz erhalten, sind Schnellschüsse und basieren zu wenig auf empirischen Fakten.

Zum Beispiel?

Schauen Sie sich die Debatte über den Mindestlohn in Deutschland an. Viele deutsche Ökonomen haben sich zu Wort gemeldet, aber keiner hat sich die Daten zum Mindestlohn im Bauhauptgewerbe angeschaut – obwohl sie seit 1998 vorliegen. Wir konnten es kaum glauben, aber wir waren tatsächlich die Ersten.

In ihrer Studie kommen Sie zu dem Schluss, dass im Westen – anders als im Osten – keine Jobs verloren gegangen sind. Für wie verlässlich halten Sie diesen Befund?

Nun, wir sind ergebnisoffen an das Thema herangegangen und haben gerade das ungewöhnliche Ergebnis für die alten Bundesländer sehr intensiv unter die Lupe genommen. Egal, wie wir die Sache drehten und wendeten, es hat sich bestätigt. Aber ich hoffe, dass unsere Studie andere Forscher ermuntert, sich auch mit den Daten zu beschäftigen – mit der Fragestellung: Bestätigen wir die Ergebnisse oder haben sie keinen Bestand?

Sie hätten auch nichts dagegen, widerlegt zu werden?

Nein. Die Vorstellung, dass Wissenschaftler ewige Wahrheiten verkünden, ist zwar weit verbreitet, aber sie ist falsch. Wir müssen Wissenschaft als einen sozialen Prozess begreifen, bei dem man nur durch Versuch und Irrtum weiterkommt. Wir brauchen viel mehr Replikationsarbeiten – Forscher sollten versuchen, die Ergebnisse anderer Studien auf Herz und Nieren zu prüfen.

In die Fachzeitschriften kommt man damit nur schwer.

Das ist in der Tat ein Problem. Aber gerade bei wichtigen wirtschaftspolitischen Themen müssen wir uns die Mühe trotzdem machen. Ich überlege zum Beispiel derzeit, wie wir im IAB eine Studie zur Wirkung aktiver Arbeitsmarktpolitik replizieren können. Die Arbeit erscheint gut gemacht und kommt zu dem Ergebnis, dass fast kein Programm wirkt. Aber sollen wir die gesamte aktive Arbeitsmarktpolitik wegen einer einzigen Studie einstellen? Das wäre doch Wahnsinn!

Gibt es noch andere Möglichkeiten der Qualitätskontrolle von Politikberatung?

Ja. Denkbar wäre ein Gutachter-Verfahren, analog zu dem, das bei wissenschaftlichen Fachzeitschriften schon lange üblich ist. Wenn die Politik eine Studie in Auftrag gibt, könnte sie direkt festschreiben, dass unabhängige Wissenschaftler, die sich in der Materie auskennen, später das methodische Vorgehen und die Ergebnisse bewerten. Damit würden vor allem Gefälligkeitsgutachten deutlich schwerer werden.

Ihre Argumentation setzt voraus, dass die Politik überhaupt Interesse an einer unabhängigen Beratung durch die Wissenschaft hat. Sind Sie davon überzeugt?

Sicherlich gibt es solche und solche Politiker. Insgesamt habe ich aber schon den Eindruck, dass es im politischen Prozess ein Interesse an rationaler Politikberatung gibt.

Wie groß ist ihrer Ansicht nach der Gestaltungsspielraum der Wirtschaftspolitik? Viele ihrer deutschen Fachkollegen argumentieren, der Staat solle nur die Rahmenbedingungen für das Spiel von Angebot und Nachfrage schaffen, alles andere aber dem Markt überlassen.

Diesen ordo-liberalen Standpunkt teile ich nicht. Ich bin überzeugt, dass der Staat eine aktive und positive Rolle in der Wirtschaft spielen kann. Wirtschaftspolitik hat sehr wohl einen Gestaltungsspielraum. Unsere Aufgabe als Ökonomen ist es, die richtigen Instrumente und Institutionen dafür zu entwickeln.

Das klingt ein bisschen nach dem Machbarkeitsglauben, der bis in die siebziger Jahre in der Ökonomie verbreitet war.

Den Glauben an die Machbarkeit aktiver Wirtschaftspolitik habe ich tatsächlich. Voraussetzung ist, dass es uns gelingt, intelligente Institutionen zu schaffen. Nicht, um eine Feinsteuerung der Konjunktur zu erreichen, wie es die Keynesianer alter Prägung vor vier Jahrzehnten für möglich hielten. Aber gerade auf dem Arbeitsmarkt kann eine kluge und wissenschaftlich fundierte Politik nach meiner Überzeugung zu besseren Ergebnissen führen. Voraussetzung dafür ist, dass wir Wirtschaftswissenschaftler unsere Arbeit ideologie- und vorurteilsfrei machen. Mit den alten Rechts-Links-Schemata, den alten Schubladen, kommen wir nicht mehr weiter.

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