Interview: Warum sind die Volkswirte aus Zürich so gut?
„Wie in einem Unternehmen“

Die Uni Zürich ist im deutschsprachigen Raum die mit Abstand beste Adresse für wirtschaftswissenschaftliche Forschung, zeigt das Handelsblatt-Ökonomenranking. Warum, erklärt der Ökonom Christian Ewerhart, der vor wenigen Jahren von Bonn nach Zürich wechselte. Schonungslos beschreibt er auch die Schwächen des deutschen Systems.

Ist es einfach nur Zufall, dass die Uni Zürich in der Volkswirtschaftslehre so gut ist?

Nein, der wachsende Erfolg der Uni Zürich ist bestimmt kein Zufall. Ausschlaggebend ist ohne Zweifel das Engagement einiger herausragender Wissenschaftler, die sich die Universität Zürich als Standort ausgewählt haben. Aber auch das Management der Uni tut einiges. Die Ausstattung und Unterstützung orientiert sich in Zürich an den tatsächlichen Erfordernissen der Forschergruppen, und weniger an der aktuellen Kassenlage. Man fühlt sich ein wenig so wie in einem Unternehmen, in dem die überzeugendsten Projekte dann auch realisiert werden können. Das motiviert, die richtigen Dinge zu tun, und auch einmal etwas Neues auszuprobieren.

Was können deutsche VWL-Fakultäten von Zürich lernen?

Das Versäumnis liegt nicht bei den Universitäten, sondern klar bei der Politik. Sie zwingt die deutschen VWL-Fakultäten wie einen unterfinanzierten Fussballverein in eine Verliererrolle im internationalen Wettbewerb um die besten Talente. Um ein Beispiel zu nennen: Jüngst hat in Zürich jeder einzelne VWL-Lehrstuhl freiwillig etwa 10 Prozent seines Budgets abgetreten, um einen weiteren Lehrstuhl zu schaffen. Mit diesen zusätzlichen Ressourcen konnten wir dann einen internationalen Star an Bord holen, der zeitgleich ein attraktives Angebot aus Grossbritannien erhalten hatte. Das ist in Deutschland vermutlich so kaum möglich.

Die vielbeschworene deutsche Hochschulbürokratie spielt also keine Rolle?

In der Tat sind viele Dinge in Zürich leichter realisierbar. Die Mittel können sehr flexibel eingesetzt werden. Die Verpflichtungen zur Lehre werden mitunter flexibel ausgelegt. Sekretariate, Informationstechnologie, elektronische Bibliotheken, Hörsaalausstattung, all das funktioniert in Zürich auch tatsächlich. Lokale Sprachkenntnisse werden bei Berufungen grundsätzlich nicht vorausgesetzt, solange der Forschungsausweis stimmt. Die Konsequenz ist übrigens, dass ich kaum Schweizer Kollegen habe!

Wo sehen Sie die größten Strukturschwächen der deutschen Hochschulen?

Für den Standort Deutschland gibt es erhebliche Hindernisse. Der verantwortungsvolle Umgang mit einem Budget wird dem Hochschullehrer nur unter zahlreichen Massregelungen zugetraut. Die reguläre Lehrbelastung ist für Spitzenleistungen in der Forschung zu hoch. Die Bedeutung der unterstützenden Prozesse für den Erfolg des Forschungsbetriebes wird unterschätzt. Und bei Einstellungsverhandlungen gibt einfach zu viele Wenn und Aber. Zum Beispiel kann es je nach Auslegung des Beamtenrechts passieren, dass man in Deutschland keine Rente mehr erhält, wenn man einige Jahre als Wissenschaftler im Ausland tätig war. Hier gibt es noch viel zu tun.

Auch die Bezahlung der Professoren soll in Zürich besser sein. Angeblich verdient man dort zwischen 20 und 40 Prozent mehr als an einer deutschen Uni. Stimmt das?

Die Grössenordnung von 20 bis 40 Prozent plus dürfte richtig sein. In Deutschland scheint es selbst für Spitzenforscher eine ungeschriebene B10-Grenze zu geben. In der Schweiz gibt es Unterschiede zwischen den Universitäten. Für die Uni Zürich gibt es Gehaltstabellen, die auf ein Bruttojahresgehalt bis etwa 220000 Schweizer Franken hinaufgehen. Auch wenn die Zahlen natürlich nicht direkt vergleichbar sind, ist es so, dass zum Beispiel für einen Assistenzprofessor in Zürich ein Ruf auf eine volle Stelle in Deutschland finanziell nicht sehr attraktiv sein wird. Aber die Bezahlung ist nur ein Teil der Rechnung, selbst wenn man einmal die Reputation eines Standortes ganz außen vor lässt.

Was ist der zweite Teil der Rechnung?

Das Problem in Deutschland, sind die langfristigen Ansprüche – vor allem deshalb will seit ein paar Jahren kaum ein Top-Forscher mehr an eine deutsche Uni. Der übliche Ruf geht an einen Wissenschaftler Mitte 40. Der hat - rein rechnerisch betrachtet - 20 Jahre aktive Zeit vor sich, und vielleicht 20 Jahre als Emeritus. Wenn man die Lebenshaltungskosten berücksichtigt, erhält solche ein Wissenschaftler in Deutschland in der Tat ein akzeptables Gehaltsangebot – und den Vorteil, in der Heimat zu leben. Selbst der Steuernachteil in Deutschland ist dann erträglich. Aber das Angebot in Deutschland ist nur ein paar Jahre lang gültig. Danach kann das Gehalt wieder fallen. Noch schlimmer ist: Selbst von dem höheren Gehalt, das man zeitweilig oder vielleicht sogar bis ans Ende der Erwerbstätigkeit erhalten hat, ist nur ein Teil „ruhegehaltsfähig“. Deutsche Forscher im Ausland reden unter der Hand schon von dem Gang in die Altersarmut, wenn sie über einen Wechsel nach Deutschland nachdenken. Ich persönlich fühle mich in der Tat in der Schweiz, wo ich wie alle meine Kollegen kein Beamter bin, deutlich besser abgesichert als ein deutscher Beamter.

Wie ist die Altersvorsoge bei Ihnen geregelt?

In Zürich gibt es ein Rentenkonto, das dem Forscher zugeordnet ist. In dieses Konto zahlt der Kanton als Arbeitgeber monatlich ein. Der Kontostand wird regelmäßig mitgeteilt. Dieses Konto kann man sogar zum Kauf einer selbstgenutzten Immobilie einsetzen. In Deutschland ist die Situation weniger klar. Es ist ein gängiges Problem bei Berufungsverhandlungen, dass die deutschen Behörden zur Rente keine eindeutigen Aussagen machen können. Und es gibt wie gesagt das zusätzliche Problem, dass ein Forscher, der im Ausland tätig war, sich in Deutschland unter Umständen im Ruhestand nicht besser stellen darf als ein Forscher, der immer in Deutschland war, und daher eventuell gar keine deutsche Rente erhält.

Die Fragen stellte Olaf Storbeck

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