IWF-Chefposten
Späte Revanche für einen brillanten Ökonomen

Frankreich galt als Wirtschaftswunderland, als Dominique Strauss-Kahn wegen einer dubiosen Finanzaffäre von seinem Amt als Finanzminister zurücktreten musste. Danach wurde es ruhig um den Anhänger einer modernen, pragmatischen Wirtschaftspolitik. Die Nominierung für den IWF ist so etwas wie eine späte Revanche für den wohl brillantesten Ökonomen Frankreichs.
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BRÜSSEL. Dass es so schnell gehen würde, hatte Dominique Strauss-Kahn wohl selbst nicht erwartet. Aus sicherer Entfernung – seinem Urlaubssitz in Marokko – hatte der 58-jährige ehemalige französische Finanzminister die Debatte über seine Person verfolgt. „Kein Kommentar“, hieß die Antwort, als sich Gerüchte um die Nominierung Strauss-Kahn von Strauss-Kahn verdichteten. Bis zuletzt scheute Strauss-Kahn jede Stellungnahme – wohl aus Sorge, der Traum vom Wechsel nach Washington könnte in letzter Minute doch noch platzen.

Völlig unbegründet war diese Sorge nicht. Noch am gestrigen Dienstag versuchten Briten und Polen, den Franzosen zu stoppen. Die Regierung in Warschau schickte einen eigenen Kandidaten ins Rennen. London stellte sogar den europäischen Anspruch auf den IWF-Chefposten in Frage. Deutschland, Luxemburg und Portugal, das derzeit den EU-Vorsitz führt, hielten dagegen. Zwei Wochen nach dem kontroversen EU-Gipfel lag erneut Streit in der Luft. Auch Spekulationen um einen möglichen deutsch-französischen „Deal“, etwa um die umstrittenen Führungspositionen beim Luftfahrtkonzern EADS, machten die Runde.

Normalerweise hätte man die Entscheidung in einer so verworrenen Lage vertagt, vielleicht auch den Kandidaten angehört. Doch bei Strauss-Kahn kam niemand auf diese Idee. Der anerkannte Wirtschaftsprofessor aus Neuilly-sur-Seine bei Paris sei „der beste Kandidat, den Europa bieten kann“, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Strauss-Kahn werde ein „ganz außergewöhnlicher Geschäftsführer des IWF“, gab sich sein portugiesischer Amtskollege Fernando Teixeira dos Santos sicher. Deshalb hätten die EU-Finanzminister auch „sehr rasch politisches Einvernehmen“ erzielt.

Gewiss, auch andere Gründe spielten eine Rolle. Die EU wollte nicht schon wieder eine politische Hängepartie riskieren. Der „neue Geist Europas“ habe eine schnelle Einigung erfordert, betonte Santos. Eine wichtige Rolle dürfte auch die Überrumpelungstaktik des französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy gespielt haben. Quasi über Nacht hatte der konservative Präsident den sozialistischen Kandidaten auf den Schild gehoben. Böse Zungen behaupten noch heute, Sarkozy sei es weniger um den IWF gegangen als darum, einen potenziellen Rivalen aus Paris wegzuloben.

Doch kaum jemand zweifelt daran, dass Strauss-Kahn tatsächlich der richtige Mann für den Job in Washington ist. „DSK“, wie ihn seine Freunde nennen, gilt schon seit Jahren als Geheimtipp für höhere Aufgaben. Hätte nicht Sarkozy, sondern die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewonnen, wäre er vermutlich Premierminister in Paris geworden. Auch für wichtige EU-Aufgaben war Strauss-Kahn immer wieder im Gespräch.

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