Jahr für Jahr Milliardengrab
Der Weihnachtsmann als Wertvernichter

Er sei kein Misanthrop und auch niemand, der als kleiner Junge immer das falsche Geschenk bekommen habe: Trotzdem ist der US-Ökonomieprofessor Joel Waldfogel seit 20 Jahren davon überzeugt, dass Weihnachten in erster Linie ein gigantisches Fest der Verschwendung ist.
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LONDON. Er versichert es immer und immer wieder: Nein, er sei kein Misanthrop, er sei keiner, der als kleiner Junge nie das richtige Weihnachtsgeschenk bekommen habe und diese Erfahrung jetzt allen anderen gönne. Er sei auch nicht jemand, der schon immer genervt gewesen sei vom alljährlichen Weihnachtsrummel, von Jingle-Bells-Terror und Santa-Claus-Romantik. „Es gibt kein Kindheitstrauma, wirklich nicht“, sagt Joel Waldfogel.

Dennoch macht er seit mehr als 15 Jahren Front gegen Weihnachten, gegen unsere Sitte, Familienangehörige und Freunde Jahr für Jahr im Dezember mit Geschenken zu überhäufen. Das sei eine gigantische Verschwendung, propagiert der Professor für Mikroökonomie an der renommierten Wharton School der University of Pennsylvania. „Weihnachten“, betont er, „ist eine Orgie der Wertvernichtung.“ Allein in den Vereinigten Staaten summierten sich die Wohlfahrtsverluste durch Weihnachten Jahr für Jahr auf rund zwölf Milliarden US-Dollar, schätzt der Ökonom. „Wäre Weihnachten ein staatliches Programm, würde der Steuerzahlerbund Sturm dagegen laufen“, ist er überzeugt.

Die Idee, dass Weihnachten ineffizient sein könnte, sei ihm vor 20 Jahren das erste Mal gekommen, erzählt Waldfogel. Als er an der Stanford University seine Doktorarbeit in Volkswirtschaftslehre schrieb. Damals, mit Mitte 20, habe er begonnen, Weihnachten mit anderen Augen zu sehen. Mit den Augen eines Ökonomen. Dabei fiel ihm auf: Zwischen den Postulaten der mikroökonomischen Theorie und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen klafft eine gigantische Lücke, wenn es um Weihnachten geht.

Sind Weihnachtsgeschenke zwangsläufig ineffizient?

1993 hat Waldfogel erstmals eine Studie dazu veröffentlicht. Nicht irgendwo, sondern im „American Economic Review“, einer der angesehensten VWL–Fachzeitschriften der Welt. Die Arbeit mit dem griffigen Titel „The Deadweight Loss of Christmas“ machte nicht nur in den Medien viele Schlagzeilen, sie brachte auch eine ernsthafte wissenschaftliche Debatte über das Für und Wider von Weihnachtsgeschenken ins Rollen.

Zahlreiche andere Forscher überprüften Waldfogels These, und auch der Amerikaner selbst klopfte sie in immer neuen Untersuchungen ab. Denn so kurios Waldfogels Thema auf den ersten Blick auch erscheinen mag, es berührt fundamentale Grundfragen der Volkswirtschaftslehre. Im Kern geht es darum, ob die Idee der Konsumentensouveränität richtig ist; ob also Menschen in der Lage sind, stets selbst die für sie besten Entscheidungen zu treffen.

Waldfogel hat seine Forschungsergebnisse dazu jetzt in einem Buch mit dem Titel „Scroogenomics – Why You Shouldn’t Buy Presents for the Holidays“ zusammengefasst. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft ist es im renommierten Wissenschaftsverlag Princeton University Press erschienen.

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