Jahrestagung der Ökonomen
Kotz: 25 Prozent Rendite sind zu viel

Deutschlands Ökonomen haben sich auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik für eine grundlegende Überarbeitung der Finanzmarktstruktur ausgesprochen. Künftig soll dem wissenschaftlichen Konsens mit größerer Skepsis begegnet werden - und auch die Banken müssten sich in Zukunft auf niedrigere Renditen einstellen.
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MAGDEBURG. Vor einem Jahr, Ende September 2008, brachten die deutschsprachigen Volkswirte das Kunststück fertig, sich zur Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Graz zu treffen, ohne sich dort auch nur in einer einzigen Veranstaltung mit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu befassen. In diesem Jahr war das anders: In Magdeburg, wo sich in der vergangenen Woche die deutschen Ökonomen zu ihrer diesjährigen Tagung trafen, beschäftigte sich immerhin eine Diskussionsrunde mit der Krise und ihren Konsequenzen.

Die globale Finanzmarktarchitektur, waren sich die Ökonomen einig, muss grundlegend überarbeitet werden. Zudem müssten sich die Eigentümer von Banken in Zukunft auf niedrigere Renditen einstellen - das zumindest betonte Bundesbank-Vorstandsmitglied Hans-Helmut Kotz. "Mindestrendite-Erwartungen von 25 Prozent Gewinn vor Steuern sind im Mittel auf Dauer nicht vorstellbar." Damit wandte sich Kotz indirekt gegen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der in den vergangenen Monaten betont hatte, an diesem Eigenkapitalrenditeziel auch nach der Finanzkrise festhalten zu wollen. Eine wichtige Lehre für die Bankenaufsicht aus der Krise sei, betonte das Bundesbank-Vorstandsmitglied, dem wissenschaftlichen Konsens in Zukunft mit größerer Skepsis zu begegnen. Die Stimmen von vermeintlichen Außenseitern müssten ernster genommen werden: "Wir müssen mehr Rücksicht auf kritische Literatur nehmen."

Die Tübinger Ökonomin Claudia Buch, die den wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums leitet, warnte allerdings vor vorschnellen Schlüssen aus der Finanzkrise. "Das empirische Wissen zu den Folgen der internationalen Finanzmarkt-Integration ist gering", konstatierte sie. In den gängigen makroökonomischen Modellen würden Friktionen auf den Finanzmärkten weitgehend ausgeblendet, und für aussagekräftige empirische Untersuchungen fehlten bislang verlässliche Mikrodaten zu den Risikopositionen einzelner Banken.

"Viele der Schwächen, die die Krise offengelegt hat, waren in der Forschung schon seit Jahren bekannt", betonte dagegen der Züricher Ökonom Hans Gersbach. Er machte sich in Magdeburg für einen tiefgreifenden Umbau der staatlichen Eigenkapitalvorschriften für Banken stark. Die Eigenkapitalanforderung an eine Bank sollten davon abhängen, wie das jeweilige Institut im Vergleich zum Branchendurchschnitt dastehe. Dieses Konzept, das Gersbach "Banking on the Average" nannte, führe dazu, dass Banken in guten Jahren zusätzliches Eigenkapital aufbauten, das sie in der Krise als Puffer benutzen könnten. "Vorsichtige Banken können andere Banken bei diesem Ansatz zu mehr Vorsicht zwingen", sagte Gersbach.

Der Frankfurter Finanzprofessor Jan Pieter Krahnen kritisierte vor allem die Intransparenz, die die zahlreichen neuen Finanzprodukte in den Jahren vor der Krise geschaffen haben. "Die Risiken, denen ein Geldinstitut tatsächlich ausgesetzt war, waren selbst mit der besten Bilanzanalyse nicht mehr zu erkennen." Die Krise habe zudem deutlich gemacht, dass die Finanzaufsicht die einzelnen Institute nicht nur isoliert betrachten dürfe - weil viele gegenseitig voneinander abhängen und der Kollaps eines wichtigen Akteurs das Gesamtsystem destabilisieren könne. ost

Kommentare zu " Jahrestagung der Ökonomen: Kotz: 25 Prozent Rendite sind zu viel"

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  • Wäre besser mit ROA zu argumentieren, weil im ROE der Leverage mit drin ist, der keineswegs eine Konstante ist. Mit Kennzahlen wird die Regulierung nicht weil weit kommen, sondern muss in die Vertragswerke bzw. instrumenten sehen. Dies ist dann Sisiphus für die Regulierung. Mit Verboten und Offenlegung würden man schon weiter kommen, z.b. vollständige Abbildung von Eventualverbindlichkeiten in der bilanz, Pflicht zur bilanzierung von SPVs, usw.

  • Es wäre schlauer mit ROA zu argumentieren, weil im ROE der Leverage drin ist, der keineswegs eine Konstante ist. Außerdem wird man mit Kennzahlen nicht weit kommen, sondern muss in die Vertragswerke bzw instrumente selbst gucken.

  • Mit dieser Überschrift haben Sie sich unsterblich gemacht, Herr Storbeck.

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