Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in München
„Die Engstirnigkeit der VWL ist entsetzlich“

Der Züricher Ökonom Bruno Frey hat am Donnerstagabend als erster den neuen Gustav-Stopler-Preis des Vereins für Socialpolitik bekommen - für seine Verdienste um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert Frey, was sich in der deutschen VWL ändern muss, damit mehr Forscher ihren Elfenbeinturm verlassen.
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Handelsblatt: Herr Professor Frey, Sie haben als erster Ökonom den Gustav-Stolper-Preis des Vereins für Socialpolitik erhalten. Der wird vergeben für Ökonomen, die sich um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit besonders verdient gemacht haben. Wird damit nicht etwas geehrt, was eine Selbstverständlichkeit sein sollte?

Bruno Frey: Eigentlich schon, aber die Realität sieht leider völlig anders aus. Meines Erachtens ist der Einfluss der Universitätsökonomen in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Dafür ergreifen Bankvolkswirte, der gesamte Finanzsektor, immer lauter das Wort – und zwar bei allen möglichen Themen. Das ist nicht per se schlecht. Wir müssen uns aber im Klaren darüber sein, dass diese Leute keine unabhängigen Wissenschaftler sind, sondern eindeutig die Interessen ihres Unternehmens vertreten. Hören Sie sich doch die täglichen Radionachrichten an: Wenn die wirtschaftliche Entwicklung an der Reihe ist, werden als erstes Börsenkurse verlesen.

Haben die Wissenschaftler den Rückzug angetreten oder werden sie weniger gefragt, weil ihre Forschung für das „wirkliche Leben“ irrelevant ist?

Es ist wenig Anreiz vorhanden für Ökonomen, sich in öffentliche Debatten einzumischen. Vor allem die junge Forscher stehen erheblich unter Druck – alles, was für das akademische Fortkommen zählt, sind Publikationen in international renommierten Journalen.

Dann agieren Sie also irrational?

Nein, mir liegt es am Herzen, beides zu tun. Aber für Akademiker-Karrieren spielt es nicht die geringste Rolle, ob man sich in der Öffentlichkeit äußert. Im Gegenteil: Ein junger Wissenschaftler, der sich seine Akzeptanz erst noch erarbeiten muss und eine Zeitungskolumne schreibt, gilt schnell „als ganz netter Schreiberling“. Da ist es klar, dass sie sich lieber mit den neuesten Details befasst, die ihre Forschercommunity diskutieren, als mit aktuellen realen Problemen.

Was ist die Lösung: Zurück zum alten System, in demAufsätze in internationalen Zeitschriften für die Karrieren von Hochschulökonomen unwichtig waren?

Nein, um Himmels Willen. Wir mussten wettbewerbsfähiger werden.

Aber wie lässt sich beides unter einen Hut bringen: Ein besserer Forscher und gleichzeitig ein besserer Kommunikator zu werden?

Das ist ein sehr großer Spagat – der gelingen kann. Eine Möglichkeit wäre, verstärkt Zeitschriften zu etablieren, in denen anwendungsnahe Fragen diskutiert werden. Auch wenn wir damit einen langen, mühsamen Weg einschlagen, es gibt kaum Alternativen. Eine gibt es – und die möchte ich gemeinsam mit Kollegen vorantreiben: Wir denken sehr ernsthaft darüber nach, zunächst in und für die Schweiz ein Forschungszentrum nach dem Vorbild der Kennedy-School in Harvard zu gründen. Dort sollen Wissenschaftler Antworten auf rein problemorientierte, praxisrelevanten Fragen suchen. Das fehlt im deutschsprachigen Raum bislang.

In der Wirtschaftswissenschaft scheinen die Amerikaner ja in allen Belangen weiter zu sein als die Europäer . . .

Die Amerikaner sind uns tatsächlich in vielen Punkten meilenweit voraus. Aber ich warne davor, alle Ideen zu kopieren. Es ist geradezu peinlich, wie sehr wir das US-System glorifizieren und wie wenig Zutrauen wir in durchaus vorhandene Stärken in Europa haben und wie schnell wir bereit sind, sie über Bord zu werfen. Schauen Sie das Kreditpunktesystem an den Universitäten an: Seit es eingeführt wurde, gleichen sich letztlich alle Vorlesungen in ihrer Grundstruktur. Die klugen Studenten sind gelangweilt.

Und die Professoren? Sie selbst sind bekannt dafür, wie gern Sie den normalen Weg verlassen. Noch vor wenigen Jahren wurden Sie von traditionell geprägten Kollegen für viele Denkansätze ausgelacht. Ist der Stolper-Preis daher eine Art Wiedergutmachung für Sie?

Nein, das nicht. Aber auf Tagungen ist diese 180 Grad-Wende natürlich ein gutes Gefühl für mich. Vor ein paar Jahren noch wurde ich schräg angesehen, weil ich behauptet habe, Glück lässt sich messen. Heute werde nicht mehr ich belächelt, sondern die wenigen Leute, die das heute noch bezweifeln.

Hat die traditionelle, neo-klassisch geprägte Volkswirtschaftslehre denn noch eine Daseinsberechtigung?

Ja, absolut. Viele Modelle und Annahmen der Traditionalisten sind die Ausgangsbasis für diverse Errungenschaften. Aber die Engstirnigkeit dieses Faches ist entsetzlich. Wenn Sie als Ökonom Neues entwickeln wollen, heißt es immer: „Das geht nicht“. Damit gebe ich mich aber nicht zufrieden. Sollen andere doch das Herkömmliche pflegen – ich möchte weitergehen.

Wohin?

Ich untersuche gerade, welche Wirkung Orden und Medaillen haben. Dafür arbeite ich mit Betriebswirten zusammen. Ihre Analyse hat zwar weniger Tiefgang als die der Volkswirte. Aber dafür sind sie deutlich näher dran an den realen Problemen.

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