Jahrhundertkrise
Das systemische Versagen der Ökonomen

Schonungslos hat die Finanzkrise eine Reihe von Problemen und Schwächen der modernen Volkswirtschaftslehre offengelegt. Selbstkritische Ökonomen monieren die einseitige Ausrichtung auf die Mikroebene – und fordern eine Neubestimmung ihes Faches. Ein Auszug aus dem Buch "Die Jahrhundertkrise" des Handelsblatt-Journalisten Olaf Storbeck.
  • 2

DÜSSELDORF. Die Große Depression war nicht nur ökonomisch eine weltweite Katastrophe, sie war auch ein Desaster für die Volkswirtschaftslehre (VWL). Die bis dahin gängige ökonomische Theorie konnte den Zusammenbruch der Wirtschaft weder erklären noch Auswege aufzeigen. Im Gegenteil - viele Empfehlungen damals tonangebender Volkswirte machten die Misere nur noch schlimmer.

Heute steht die Volkswirtschaftslehre erneut vor einem Scherbenhaufen. Schonungslos hat die Wirtschafts- und Finanzkrise eine Reihe von Problemen und Schwächen der modernen VWL offengelegt. Krisen von der Sorte, wie die Welt sie seit Mitte 2007 erlebt, können Makroökonomen in ihren Standardmodellen nicht abbilden - schon allein weil darin oft gar kein Finanzsektor existiert.

"Die meisten etablierten Modelle bieten keine Anhaltspunkte dafür, wie wir dieses außergewöhnliche Problem analysieren oder damit umgehen sollten", schreibt ein achtköpfiges Ökonomenteam um Thomas Lux von der Uni Kiel in einer Streitschrift. "In der Stunde der größten wirtschaftlichen Not tappt die Menschheit ohne eine Theorie im Dunkeln. Das ist ein systemisches Versagen der ökonomischen Zunft."

Nach der Krise werden Volkswirte ihr Fach und die Welt mit anderen Augen sehen. Nicht wenigen seiner Berufskollegen, spottete Nobelpreisträger Paul Krugman, würde es intellektuell so ergehen wie den Anlegern, die ihr Vermögen dem Milliardenbetrüger Bernie Madoff anvertraut hatten. Willem Buiter von der London School of Economics haut in die gleiche Kerbe: "Der Großteil der theoretischen Innovationen, die die Mainstream-Makroökonomie seit den 70er-Jahren hervorgebracht hat, war bestenfalls eine selbstreferenzielle Nabelschau."

Eine Kernursache dafür, dass wichtige Teile der VWL so sehr auf Abwege gerieten, ist ein falsches Selbstverständnis des Fachs - das zumindest behaupten die Ökonomen um Thomas Lux. Wenn Sie einen studierten Ökonomen nachts um drei aus dem Schlaf holen und ihn fragen, worum es bei der VWL im Kern geht, dann wird er ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit antworten: "Die Ökonomie ist die Wissenschaft über den Umgang mit Knappheiten, die ,Allokation von knappen Ressourcen?."

Dieses Selbstverständnis wird jedem Erstsemester in der Einführungsveranstaltung eingetrichtert. "Die Definition ist kurzsichtig und irreführend", heißt es in der Streitschrift der acht Wissenschaftler. Ökonomie werde reduziert auf die Erforschung optimaler Entscheidungen zu klar definierten Fragestellungen. Dass im Wirtschaftssystem enorm viel Bewegung und gegenseitige Abhängigkeiten stecken, in der realen Wirtschaft also große Unsicherheit herrsche, sei aus dem Blick geraten.

Seite 1:

Das systemische Versagen der Ökonomen

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Jahrhundertkrise: Das systemische Versagen der Ökonomen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • > Daher ist der Markt abgeleitet vom Kreditmarkt.

    Sie haben ein Verständnisproblem mit der Ökonomie?

    Unser Problem: Selbst wenn klar auf der Hand liegt, was für die Welt am besten wäre, würden die Akteure doch nicht danach handeln, wenn sie für sich persönlich irgendwo einen besseren Nutzen sähen.

    Zu unterstellen, die Akteure wollten das beste für die Gesamtheit, ist glatt gelogen.

    Daher helfen nur ordentliche knackige Haftstrafen, so wie man Räuber die anderen etwas wegnehmen eben bestraft.

  • Meines Erachtens greift die Kritik zu kurz.
    Die Modelle unterstellen: "Jeder Mensch hat alle informationen, die er braucht, es gibt keine Unsicherheit. Dann ist Geld irrelevant, und den Finanzsektor kann man wegignorieren, wiel er perfekt
    rational arbeitet." So kritisch Peter bofinger.

    Meines Erachtens liegt das Scheitern der Volkswirtschaft in der Universalität ihres Ansatzes,
    sie unterstellt, dass der Neandertaler mit dem Faustkeil in der Hand gleich dem investor an der Wall-Street handelt. Nur dem ist nicht so. Vielmehr
    kennt die Menschheit unterschiedliche Reproduktionssysteme. Nur die Volkswirte sehen das nicht und erfassen daher das Wichtigste nicht an unserer heutigen Eigentumsökonomie. Sie können ja nicht mal richtig das Geld erklären, daher spielt ja auch der Finanzsektor keine Rolle bei ihnen. Das
    heißt eben auch, dass Sie die Finanzkrise nicht verstehen.

    im Zentrum unserer Eigentumsökonomie stehen die Gläubiger-Schuldner-Verträge. Unternehmen nehmen Kredite unter Stellung von Sicherheiten auf, um innovationen und/oder neue Produkte zu finanzieren.
    Um die Zinsen / Tilgungen dieser Kredite bezahlen zu
    können, muß der Unternehmer seine Produkte am Markt
    verkaufen. Daher ist der Markt abgeleitet vom Kreditmarkt. Aber da haben schon alle Nobelpreisträger der Volkswirtschaft Probleme.

    ich empfehle daher die Lektüre Heinsohn / Steiger:
    Eigentumsökonomik, Metropolis-Verlag. MfG

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%