Keine Job-Verluste durch Mindestlöhne?
RWI attestiert IAB-Mindestlohn-Studie „gewaltigen Denkfehler“

Das Essener Wirtschaftsforschungsinstitut RWI kritisiert eine viel beachtete Studie aus dem Nürnberger IAB hart. Die Untersuchung kam zu dem Schluss: Mindestlöhne haben im westdeutschen Bau keine Arbeitsplätze vernichtet. Laut RWI hat die Arbeit erhebliche methodische Mängel - und keinerlei Aussagegehalt.
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DÜSSELDORF. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen wirft den Verfassern erhebliche methodische Schwächen vor. „Den Autoren ist ein gewaltiger Denkfehler unterlaufen“, schreiben RWI-Chef Christoph M. Schmidt und sein Mitarbeiter Jochen Kluve in einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com. Die Untersuchung besitze aufgrund ihrer methodischen Schwäche keinen Aussagegehalt.

Die Kritik bezieht sich auf die Studie „Mindestlohneffekte des Entsendegesetzes“, die IAB-Chef Joachim Möller und die Regensburger Volkswirtin Marion König im Oktober veröffentlicht haben. In Westdeutschland, so das Ergebnis, habe der 1997 eingeführte Bau-Mindestlohn keine Arbeitsplätze vernichtet. Womöglich seien in geringem Ausmaß sogar zusätzliche Jobs entstanden. Für Ostdeutschland, wo der Mindestlohn im Vergleich zum Lohngefüge höher lag, stellten die Forscher dagegen eindeutig Job-Verluste fest.

König und Möller verglichen in ihrer Arbeit die Beschäftigungsentwicklung in den Mindestlohn-Segmenten – die so genannte Treatment-Gruppe – mit den Job-Perspektiven von Bauarbeitern, die nur etwas mehr als den Mindestlohn verdienen. Dahinter steht die Annahme, dass sich ohne Mindestlohn die Beschäftigung in beiden Gruppen identisch entwickelt hätte.

Hier sieht das RWI die entscheidende Schwäche der Arbeit: Die Kontrollgruppe sei falsch gewählt. Bei einem methodisch korrekten Vorgehen dürfte die Mindestlohn-Regelung die gewählte Vergleichsgruppe nicht betreffen. Dies sei bei König und Möller aber nicht der Fall: „Die Arbeitnehmer in der Vergleichsgruppe sind über Substitutionsbeziehungen eng mit den direkt betroffenen Arbeitern verbunden“, so das RWI. „Diese Interdependenz wird in der Studie nicht berücksichtigt“ – obwohl gerade die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Gruppe stark ausfallen dürfte.

In welche Richtung die Effekte wirken, lasse sich theoretisch nicht eindeutig klären. So sei es denkbar: Mindestlohn-Bezieher verlieren ihren Job an Kollegen, deren Produktivität und Lohn etwas höher liegen. In diesem Fall würden die negativen Job-Effekte überzeichnet. Möglich sei aber auch: Geringqualifizierte werden arbeitslos – entweder, weil Arbeitgeber mehr Maschinen statt menschlicher Arbeit einsetzen, oder weil die höheren Lohnkosten die Bau-Konjunktur bremsten. „Die Nichtberücksichtigung dieser Substitutionsbeziehungen führt dazu, dass die Studie keine stichhaltigen Erkenntnisse liefern kann“, lautet das RWI-Fazit.

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