Klimaforschung
Pi mal Daumen

Studien zu den Kosten des Klimawandels elektrisieren die Öffentlichkeit – stehen aber methodisch oft auf wackeligen Beinen. Schon kleine Änderungen bei den Annahmen können zu ganz anderen Ergebnissen führen. Selbst Forscher räumen ein: Man sollte die Zahlen lieber nicht wörtlich nehmen.
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Die Zahl übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen bei weitem: Auf bis zu 5, 5 Billionen Euro könnten sich die Schäden eines ungebremsten Klimawandels im schlimmsten Fall summieren, prognostizierte der britische Ökonom Nick Stern Ende 2006. Diese dreizehnstellige Zahl entspricht rund 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Stern hat Öffentlichkeit und Politik mit seinen Prognosen aufgerüttelt und eine neue Debatte über den Klimwandel ausgelöst.

Immer neue Studien analysieren die möglichen Schäden und vergleichen sie mit den Kosten des Klimaschutzes – doch die Schwankungsbreite der Berechnungen ist immens. Die Modelle sind komplex und über so lange Zeiträume angelegt, dass schon die Änderung weniger Annahmen oder Parameter zu völlig anderen Ergebnissen führen: So schätzt Claudia Kemfert, Umweltökonomin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die Wachstumseinbußen, die ein ungebremster Klimawandel für Deutschland mit sich bringt, nich auf 20, sondern „nur“ auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Ähnlich unterschiedlich fallen die Antworten der Wissenschaft auf die Frage aus, was der Kampf gegen den Klimawandel kostet. So schätzt Stern die Kosten für die Vermeidung von Treibhausgasen auf rund ein Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dagegen beziffert der UN-Klimarat die Kosten für die Eindämmung des Klimawandels nur auf 0,12 Prozent des Weltsozialproduktes.

Die Studien gehen von unterschiedlichen Annahmen aus und basieren nicht auf der gleichen Methodik, daher kann man ihre Aussagen nur begrenzt miteinander vergleichen. Aber selbst innerhalb einzelner Untersuchungen ist die Bandbreiten der Schätzungen meist immens. „Die Hälfte der Unsicherheit kommt aus den Klimamodellen, die andere Hälfte aus den ökonomischen Berechnungen“, sagt Richard Tol, Umweltökonom am Economic and Social Research Institute Dublin. Nach Ansicht von DIW-Forscherin Claudia Kemfert bewegen sich vor allem die volkswirtschaftlichen Berechnung auf dünnem Eis. „Es gibt viele, viele Unbekannte, und die Unsicherheiten potenzieren sich.“

Eine zentrale Unbekannte ist die Anpassungsfähigkeit des Menschen – Bernd Hansjürgens, Leiter der ökonomischen Abteilung am Umweltforschungszentrum Leipzig, hält diesen Faktor für kaum kalkulierbar. Schon mit Blick auf einen Zeitraum von 50 Jahren sei es schwierig, die technologische Entwicklung vorherzusagen – und die Modelle reichen meist bis ins Jahr 2100 und weiter. „Eigentlich kann man keine seriösen ökonomischen Schätzungen über so lange Zeiträume ansetzen“, sagt Hansjürgens. Wie viele seiner Kollegen betrachtet er Studien wie den Stern-Report eher als politisches Instrument, denn als wissenschaftliche Arbeiten. Aber Hansjürgens betont: „Man braucht solche Signale.“

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