Kommentar
Die leeren Versprechen der Wutökonomen

Die Euro-Krise erregt die Gemüter. Selbst nüchterne Wissenschaftler lassen sich zu emotionalen Reaktionen hinreißen. Ein Beispiel dafür ist der Aufruf von 172 Ökonomen zum jüngsten EU-Gipfel.
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Vom ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman ist überliefert, dass er sich nach einem "einhändigen Volkswirt" sehnte. Einem, der nicht ständig von "on the one hand, on the other hand" spricht, der sich nicht zwischen "einerseits, andererseits" bewegt, sondern einfach eine klare Meinung hat. Eine Reihe der derzeit in der deutschen Debatte über die Euro-Krise tonangebenden Volkswirte hätte Truman vermutlich gefallen.

Offenbar gehören die Zeiten, in denen Ökonomen differenziert argumentierten, zunehmend der Vergangenheit an. Je verworrener die Euro-Krise wird, desto schriller die Tonlage, in der sich manche Wirtschaftswissenschaftler zu Wort melden.

Vorläufiger Höhepunkt ist der Aufruf von 172 Ökonomen zum jüngsten EU-Gipfel und dem dort beschlossenen Einstieg in eine Bankenunion. Inhalt und Stil des öffentlichen Briefs wurden zu Recht dafür kritisiert, dass sie einem seriösen, wissenschaftlichen Diskurs nicht angemessen seien. In zwei Gegenaufrufen haben sich Fachkollegen von dem Manifest distanziert. Kritiker aus Wissenschaft und Politik werfen den Ökonomen vor, Fakten verzerrt darzustellen, Ängste zu schüren und emotional statt rational zu argumentieren.

Tatsächlich drängt sich angesichts dieser Diskussionskultur unter Volkswirten die Frage auf: Erleben wir in diesen Tagen nach dem Aufstieg der Wutbürger nun den Siegeszug der Wutökonomen?

Das gilt mit Sicherheit nicht für die Gesamtheit der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre. Denn es gibt eine ganze Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern, die an konstruktiven Konzepten zur Lösung der Euro-Krise arbeiten.

Das jüngste Beispiel kommt jetzt vom Sachverständigenrat. Die Wirtschaftsweisen konkretisierten in einem Sondergutachten ihr Konzept des Schuldentilgungsfonds - einer der interessantesten Lösungsvorschläge, die bislang vorliegen. Die Idee sieht vor, einen Teil der Staatsschulden zeitlich beschränkt und unter strengen Auflagen zu vergemeinschaften. Ein weiteres Beispiel sind die "Euro-Safe-Bonds", die ein Forscherteam um den deutschen Princeton-Ökonomen Markus Brunnermeier entwickelt hat und die den Markt für Staatsanleihen beruhigen könnten, ohne eine gemeinsame Haftung einzuführen. Oder die Idee der "Euro-Bills" von Christian Hellwig (Toulouse) und Thomas Philippon (New York University). Sie schlagen kurzfristige, ein Jahr laufende Euro-Bonds vor, die von einer zentralen Instanz unter strengen Bedingungen emittiert werden.

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Volkswirtschaftslehre ist keine Naturwissenschaft

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  • Volkswirtschaftler , Ökonomen, Bankster, Politiker,

    - nichts genaues weis man nicht !

    Aber die Hauptsache ist, daß man in der Öffentlichkeit seine Eitelkeiten und wichtigtuereien ausleben kann.
    gez.walterwerner.de

  • Hier haben sie einen wichtigen Teil angegeben: Die Volkswirtschaftler werden die komplizierte Finanzwelt nicht mit noch komplizierteren Modellen retten. Warum? Die Menschen vertrauen dem "Finanzmarkt" nicht mehr. Sie wissen, das dort real nichts zum Wohle aller erzeugt wird aber gleichzeitig die höchsten Gehälter gezahlt werden. Dabei werden Summen bewegt die mit der Leistungsfähigkeit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun haben. Beispiel: über ein paar hundert Millionen für Kindergeld wird mitunter monatelang debattiert, 30 Milliarden für spanische Banken gab es über Nacht, auch HypoReal Estate und Commerzbank durften von ähnlichen Aktionen profitieren. Das alles hat aber nicht an der Meinungshegemonie der Banken geändert.
    Trotz dem politischen Einfluß der Banken und der Indoktrinierung über Medien und Universitäten und deren hochbezahlten Professoren mit ihrer angemaßten Deutungshoheit spüren die Menschen instinktiv das sie hier verschaukelt werden.

    Und sie haben recht.
    Ohne grundlegende Reformen an Finanzmarkt und Banken, Geldsystem und Stattsfinanzierung ist diese Krise nicht lösbar. Wollen wir hoffen das die Sache nicht mehr oder weniger gewalttätig durch die Straße gelöst wird.
    Jeder Wirtschaftswissenschaftler sollte sich die letzten 10 Jahre des Ancien Regime ansehen - es waren die gleichen Symtome und Gegenmaßnahmen die das System zu Fall brachten!

  • Der Euro war schon gescheitert, bevor er eingeführt wurde, weil eine gemeinsame Währung für wirtschaftlich unterschiedlich starke Länder noch nie funktioniert hat und bis in alle Ewigkeit nie funktionen wird.

    Wer also ständig an "Rettungs"-Aktionen für die Euro-Rettung bastelt, zeigt damit, daß er das grundsätzliche Problem nicht verstanden hat.

    Alle Euro-Befürworter und Euro-Retter brechen EU-Recht und brechen die nationalen Verfassungen.
    Wo bleiben die Staatsanwälte und Verfassungsschützer ?

    Prof. Sinn und Kollegen haben natürlich recht, doch die Haus-Ökonomen der Banken und Regierungen wollen nun mal die EU-Verträge brechen und die Verfassungen ihrer Länder auch, denn sie wollen den EU-Zentralstaat und dafür wurde der Euro eingeführt. Die Euro-Krise ist geplant und gewollt, um als Druckmittel zur Erzwingung der politischen Union gegen den Willen der Bürger zu dienen.

    Nur darum geht es: eine geplante Krise durch die Zwangseinführung des Euro.

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