Kreditentwicklung
Was hinter dem kreditlosen Aufschwung steckt

Führende Professoren und Notenbanken wundern sich über den Aufschwung ohne Kreditwachstum. Nun hat die Abteilung für globale Volkswirtschaft der Deutschen Bank in einer Studie den Zusammenhang von Konjunktur und Kreditentwicklung untersucht. Ihr Fazit birgt Sprengstoff.
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FRANKFURT. Ein bisschen mulmig ist es Thomas Mayer schon. Der Ko-Chef der Abteilung für globale Volksirtschaft der Deutschen Bank hat mit einem Kollegen und einem Mitarbeiter der niederländischen Notenbank ein wissenschaftliches Papier verfasst. Das ist noch nichts Besonderes. Nur das Fazit der drei birgt Sprengstoff.

Denn implizit enthält das Papier der drei Bankvolkswirte die Aussage, dass die Wissenschaftler und Notenbanker, die sich mit dem Zusammenhang von Konjunktur und Kreditentwicklung beschäftigen, ihr ökonomisches Alphabet nicht richtig beherrschen. Mayer beschreibt das Gefühl, das ihn dabei beschleicht wie das eines " Dorfpfarrers, der nach Rom gezogen ist und den Kardinälen erklärt, sie hätten in der heiligen Schrift etwas falsch verstanden."

Konkret: Ökonomie-Professoren, der Internationale Währungsfonds, die Bundesbank und die Europäische Zentralbank - sie alle analysieren die Kreditentwicklung und arbeiten sich an einem scheinbaren Widerspruch ab, der "creditless recovery" heißt, Konjunkturerholung ohne Krediterholung. Während die Wirtschaft bereits wieder wächst,stagniert das Kreditvolumen oder sinkt sogar.

Dieser Effekt taucht regelmäßig nach Rezessionen auf und wurde von dem renommierten Ökonomen Guillermo Calvo in einem einflussreichen Aufsatz empirisch belegt. Calvo hatte zusammen mit Kollegen die Erholung nach der Asienkrise analysiert und festgestellt, dass die Wirtschaft der betroffenen Länder ohne Kreditzuwachs ansprang wie "Phönix aus der Asche".

Genau in dieser Lage könnte die deutsche Wirtschaft gerade stehen. Die Rezession scheint erst einmal vorüber zu sein, aber ob es für einen nachhaltigen Aufschwung reicht, oder ob eine Kreditklemme diesem den Garaus macht, wird unter Experten derzeit heiß diskutiert.

Die Bundesbank hat in ihrem letzten Monatsbericht versucht, die scheinbare Anomalie des Aufschwungs ohne Zunahme des Kreditvolumens zu erklären und damit die Sorge vor einer Kreditklemme abzumildern; etwa damit, dass die Unternehmen im Aufschwung wieder mehr Gewinne machen und daher nicht mehr so viele Kredite brauchen.

Mayer und seine Mitautoren haben eine ganz andere Erklärung. Ihnen zufolge schauen die Experten bisher auf die falsche Größe, nämlich auf das Kreditwachstum.

Mayer greifen in ihrem Papier die Daten von Calvo zur Asienkrise auf. Bei Calvo hatte das Wirtschaftswachstum graphisch die Form eines V, wohingegen die Kurve für das Kreditwachstum nur den fallenden Teil des V abbildete und dann unten blieb, etwa wie ein schiefes L.

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