Krise mit sieben Leben
Warum die Weltrezession immer noch unterschätzt wird

Bankenkrisen gehören zu dem Schlimmsten, was hoch entwickelten Industrieländern passieren kann. Sie führen zu tiefen Rezessionen, auf die häufig eine staatliche Schuldenkrise folgt. Dennoch unterschätzen Experten bis heute systematisch die Weltrezession, die heute vor genau drei Jahren ihren Lauf nahm. Warum?
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LONDON. Es sollte Jahre dauern, bis all die Banker, Volkswirte und Politiker wirklich verstanden, was an sie an diesem Donnerstag im Sommer 2007 eigentlich miterlebt hatten: den Anfang der zweiten Weltwirtschaftskrise.

Alles begann mit einer Pressemitteilung der französischen Bank BNP Paribas. Am Morgen des 9. August 2007 - heute vor genau drei Jahren - meldete das Institut das Aus von drei Investmentfonds, die in US-Hypotheken-Kredite investiert hatten und de facto zahlungsunfähig waren.

Daraufhin brach auf dem Geldmarkt Chaos aus: Die Banken trauten sich gegenseitig nicht mehr über den Weg. Die Zinsen für Kredite, die sich die Institute untereinander gewähren, explodierten. Eine Krise, keine Frage - aber nicht das Ende der Welt. "Die Grundlagen des starken, weltweiten Wachstums", betonte ein Sprecher des Internationalen Währungsfonds (IWF) an jenem 9. August 2007, "sind noch immer gegeben."

Tatsächlich markiert jener Tag den Moment, an dem sich die Probleme auf dem US-Immobilienmarkt zur einer flächendeckenden Finanz-und Wirtschaftskrise ausgeweitet hat. Und alle Prognosen zum Ende der Probleme haben sich bislang als vorläufig erwiesen.

Immer, wenn das Schlimmste überwunden schien, ging es in die nächste Runde: Erst brannte der US-Immobilienmarkt, dann die Bankenlandschaft, die Realwirtschaft und eine Reihe von Nationalstaaten. Zwischendurch, in den Monaten nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008, stand die Weltwirtschaft gar am Rande einer zweiten Großen Depression. Und bis heute ist die Sache nicht ausgestanden, darüber können auch die zuletzt guten Nachrichten nicht hinweg täuschen.

Bankenkrisen gehören zu dem Schlimmsten, was hoch entwickelten Industrieländern passieren kann, zeigen Studien. Sie führen zu tiefen Rezessionen, auf die häufig eine staatliche Schuldenkrise folgt. Denn in aller Regel müssen die Regierungen Milliarden ausgeben, um Finanzsektor und Realwirtschaft vor dem vollständigen Untergang zu bewahren. Die Erfahrungen der vergangenen drei Jahre bestätigen diese Erkenntnisse uneingeschränkt.

Aber wie kann es sein, dass fast alle Volkswirte trotzdem die Krise immer wieder chronisch unterschätzt haben? Warum haben sie in schöner Regelmäßigkeit das Ende der Krise viel zu früh ausgerufen?

Ein zentraler Grund dafür sind fundamentale Denkfehler in ihren Analyse-Modellen, die erst durch die Krise ans Tageslicht gefördert wurden. In vielen Bereichen hatten Mainstream-Volkswirte ein verzerrtes und falsches Verständnis von den wirtschaftlichen Zusammenhängen. Daher haben sie das Geschehen auf den Finanzmärkten über Jahrzehnte systematisch falsch interpretiert.

Ein Beispiel dafür ist die scheinbar banale Frage, warum es eigentlich Banken gibt und welche Rolle sie in der Wirtschaft spielen. Die Standard-Erklärung, die sich in jedem Ökonomie-Lehrbuch findet, lautet: Banken sind das Scharnier zwischen den privaten Haushalten, die Ersparnisse bilden, und den Unternehmen, die Kredite brauchen, um neue Investitionen zu finanzieren. Wer dieses Bild im Kopf hat, für den ist das dramatische Wachstum des Finanzsektors in den vergangenen Jahrzehnten etwas rundweg Positives. Mehr Kredite führen schließlich mehr produktiven Investitionen und letztlich zu mehr Wachstum und Wohlstand.

Doch die Wirklichkeit, sie ist nicht so. Diese Lektion haben die Wirtschaftswissenschaftler in den vergangenen drei Jahren brutal gelernt. "Nur eine Minderheit der Kredite, die Banken vergeben, erfüllt heute diese ökonomische Funktion", sagt Adair Turner, Chef der britischen Finanzaufsicht FSA.

Trügerische Sicherheit

Ein Großteil der neuen Kredite, die der Finanzsektor in den vergangenen Jahrzehnten vergeben habe, sei nicht in produktive Investitionen geflossen. Das Geld sei für Immobilienspekulationen verwendet worden. In den allermeisten Fällen seien existierende Häuser auf Pump gekauft worden - in der Hoffnung, sie in Zukunft teurer weiterverkaufen zu können. "Es geht um Kredite innerhalb des Haushaltssektors der Wirtschaft, nicht um Darlehen von den privaten Haushalten an die Unternehmen", betont Turner. Solche Darlehen würden oft keinen gesamtwirtschaftlichen Mehrwert schaffen, aber das Finanzsystem fragiler machen.

Das billige Geld und die überall verfügbaren Kredite haben über lange Jahre zudem viele fundamentale ökonomische Probleme zugedeckt - vor allem die stetig steigende Einkommenungleichheit in den USA. Davon ist Raghuram Rajan überzeugt, Ökonomie-Professor an der Universität Chicago und ehemaliger Chefvolkswirt des IWF. "Die Leute konnten sich mit geliehenem Geld Häuser kaufen, die im Wert stiegen und als Sicherheit für neue Kredite dienten - dieses Geld konnten sie dann in ihren Konsum stecken", sagt Rajan.

Unter der Oberfläche habe dies zu erheblichen ökonomischen Verwerfungen geführt: "In den Jahren vor der Krise ist ein Überangebot in bestimmten Bereichen entstanden. Dieses kreditfinanzierte Wirtschaftswachstum sei nicht nachhaltig gewesen. "Die Nachfrage war zum Teil auf Sand gebaut."

Das gleiche gilt für die Geschäftsmodelle vieler Banken. Zwar haben zahlreiche Kreditinstitute in den Jahren vor der Krise Rekordgewinne eingefahren - allerdings nur dadurch, dass sie systematisch höhere Risiken eingegangen sind. "Die in den Geschäftsberichten ausgewiesenen Erträge sind gestiegen, die risikobereinigten Erträge aber nicht", stellt Andrew Haldane, der oberste Experte für Finanzstabilität bei der Bank of England fest.

Denkfehler der Notenbanken

Ähnlich argumentiert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) kürzlich erschienenen Jahresbericht: "Die Krise hat Mängel am seit Jahrzehnten bestehenden Geschäftsmodell des Finanzsektors ans Licht gebracht." Die Banken hätten zu viel Wert auf kurzfristige Gewinne gelegt. Diese hätten sie in die Höhe geschraubt, indem sie immer weniger eigenes Kapital und immer mehr Kredite aufgenommen hätten. Das habe ihre Erträge viel schwankungsanfälliger gemacht - und das gesamte Finanzsystem instabil. Um das System weniger krisenanfällig zu machen, seien höhere Eigenkapital- und Liquiditätspuffer nötig, betont die BIS. Was sie nicht offen ausspricht, aber die Kehrseite dieser Politik ist: Das Bank-Geschäft der Zukunft wird zugleich weniger rentabel.

Auch in der Geldpolitik ist in den vergangenen drei Jahren kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Die tiefste Krise seit der Großen Depression legte auch bei Federal Reserve Bank, EZB & Co. grundsätzliche Denkfehler offen. Bis zum 9. August 2007 waren die führenden Notenbanker der Welt, allen voran Alan Greenspan und Ben Bernanke, überzeugt: Um Spekulationsblasen brauchen sich die Zentralbanken nicht zu kümmern, ebenso wenig wie um die Kreditvergabe der Banken.

Das beste und einzige, was die Geldpolitik für die Realwirtschaft tun könne, sei die Garantie stabiler Verbraucherpreise. Wenn es zu Spekulationsblasen komme, sollten die Notenbanken abwarten, bis diese Platzen und dann den Schaden begrenzen - vor allem über niedrigere Leitzinsen. Die theoretischen Modelle, die in den Notenbanken gängig sind, suggerierten: Mit schnellen und entschlossenen Zinssenkungen lassen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten klar begrenzen.

Doch die Erfahrung seit dem 9. August 2007 straft die Modelle Lügen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass vor allem die Fed diese Strategie in den Jahren vor der Krise stets offen und selbstbewusst kommuniziert hat. In der Erwartung, dass die Fed es im Fall der Fälle schon richten werde, gingen die Investoren immer riskantere Geschäfte ein.

Immer mehr Volkswirte sind daher der Meinung: Notenbanken müssen nicht nur auf die Inflationsraten schauen, sondern auch auf die Kreditentwicklung. Auch hier ist ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte lehrreich. Studien zeigen: Eine exzessive Kreditvergabe an Privathaushalte und Unternehmen destabilisiert über kurz oder lang die Wirtschaft. Makroökonomen und Notenbanker, die nur auf Inflation und Konjunktur schauen, übersehen Entscheidendes - und wiegen sich in trügerischer Gewissheit.

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  • Oh nein, nicht schon wieder pseudowissenschaftliche Zinskritik und religiöse Eiferer... Das sind nämlich die eigentlichen Übel der Wirtschaftskrise ;)

    Liquidität ist kostbar, also hat sie ihren Preis. Ohne selbigen würde niemand mehr irgendjemandem etwas zur Verfügung stellen, die Märkte bleiben stehen. Viel Spass damit.
    Davon abgesehen: Liquiditätsprämien verhindern zu wollen (Liquidität kann auch Gold, Zigaretten oder Muscheln sein) halte ich vorsichtig ausgedrückt für "schwierig". irgendjemand will sie immer haben, und irgendjemand will immer etwas dafür haben.

  • Weil insbesondere solche Menschen, denen ihre "gesellschaftliche Position" wichtiger erscheint als der Erhalt ihrer Denkfähigkeit, nach wie vor an "Apfelbäumchen" glauben...

    http://www.deweles.de/files/apfelbaeumchen.pdf

    ...und nicht in der Lage sind, 6 Gleichungen mit 9 Unbekannten zu lösen:

    http://www.deweles.de/files/6g9u.pdf

  • Das grundlegende Problem, nämlich der Zins, wurde auch in diesem Artikel nicht verstanden. Wenn man dieses Problem kennt, kann man folgende Voraussage treffen: die Weltwirtschaft wird erst wieder normal laufen, wenn alle Staaten der Erde eine Währungsreform durchgeführt und somit sämtliche Guthaben und Schulden auf Null zurückgesetzt haben. Anders ist diesem defekten System nicht mehr zu helfen.

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