Makroökonomie: Wir sind keine Supermänner!

Makroökonomie
Wir sind keine Supermänner!

Alle Menschen verhalten sich gleich und rational, unterstellen fast alle Makroökonomen in ihren Modellen Dies führt oft zu falschen Schlüssen. Situationen wie die derzeitige Finanzkrise lassen sich so gar nicht modellieren. Inzwischen wächst auch im Fach die Kritik am Postulat des "repräsentativen Agentens". Aber welche Alternativen dazu gibt es?
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BERLIN. Er ist der Superman der Ökonomie. Intelligent, rational, vorausschauend. Völlig frei von Fehlern und ohne irgendwelche besonderen persönlichen Merkmale. Das zumindest unterstellen fast alle Makroökonomen in ihren Modellen. Alle Menschen sind darin gleich und alle Unternehmen meist auch. Weiß man, wie ein Akteur denkt und handelt, kennt man die ganze Modellökonomie. Schließlich gibt es nur eine Art und Weise, sich vollkommen rational zu verhalten. Daher legen alle Supermänner exakt das gleiche Verhalten an den Tag.

Fast alle Wirtschaftswissenschaftler meinen, dass sie das Geschehen in riesigen Volkswirtschaften verstehen können, indem sie das Verhalten eines einzelnen Akteurs analysieren. Nur nennen sie ihn nicht Superman, sondern sprechen vom „repräsentativen Agenten“.

Generationen von Studenten haben sie damit Rätsel aufgegeben: Wie kann es sein, dass man von einem einzelnen Konsumenten, Haushalt oder einer Firma auf das Verhalten der gesamten Volkswirtschaft in einem Modell schließen kann? Schließlich ist doch jeder Mensch anders, und wenn mehrere aufeinandertreffen, kann das Ergebnis ganz anders ausfallen als die Hochrechnung von einem repräsentativen Agenten suggeriert.

Das wissen auch die meisten Ökonomen. Trotzdem halten sie seit Jahrzehnten an diesem theoretischen Konstrukt fest.

Die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise legt die Schwächen der bislang üblichen Mode nach Ansicht von kritischen Ökonomen schonungslos offen. „Die Volkswirtschaftslehre hat sich mit ihren bisherigen Methoden die Hände gebunden und so die Analyse wichtiger Aspekte des Wirtschaftssystems verhindert“, schreiben die Ökonomen Thomas Lux (Kiel) und Frank Westerhoff (Bamberg) jüngst in der Fachzeitschrift „Nature“. „Das Fach braucht eine neue Grundlage, die das Zusammenspiel von heterogenen Akteuren berücksichtigt.“ Auch die Annahmen, dass die Akteure stets rational entscheiden und es ein eindeutiges Gleichgewicht gibt, zu dem die Wirtschaft nach einer Störung immer wieder zurückkehrt, geraten zunehmend in die Kritik.

Dennoch verabschiedet sich die Mainstream-Ökonomie nur sehr zögerlich von ihrem Liebling. Denn der repräsentative Agent hat ein starkes Argument auf seiner Seite: Er macht es relativ leicht, die Mathematik der Modelle in den Griff zu bekommen.

James Hartley, der schon 1997 das Konzept des „repräsentativen Agenten“ in einem Buch stark angegriffen hat, sieht darin den Hauptgrund für die Trägheit seiner Zunft bei der Suche nach Alternativen: „Die meisten Ökonomen interessieren sich nicht sehr für Methoden. Und Modelle mit dem repräsentativen Agenten sind schnell zu lernen“, sagt der heute am Mount Holyoke College in Massachusetts lehrende Ökonom.

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