Maß für Wettbeweerbsfähigkeit
Die überschätzten Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten gelten zu Unrecht als entscheidendes Maß für die Wettbewerbsfähigkeit. Ökonomen bemängeln, dass sie wichtige Aspekte ausblenden. Zudem sind sie anfällig für Wechselkursschwankungen.
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FrankfurtEuropa müsse wettbewerbsfähiger werden, lautete der Schlachtruf des britischen Premiers David Cameron auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos. Und Angela Merkel ergänzte "Ganz Europa", um klar zu machen, dass der Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit nicht zu Lasten Deutschlands gehen soll. Auch EU-Kommission und Europäische Zentralbank (EZB) werden nicht müde, die Forderung zu wiederholen.

Fest machen sie die Wettbewerbsfähigkeit dabei vor allem an einem Indikator - den Lohnstückkosten. Viele Ökonomen sind davon nicht begeistert. "Die Lohnstückkosten sind ein problematischer Indikator, der vieles ausblendet, was für die Wettbewerbsfähigkeit wichtig ist", meint Thomas Mayer, ökonomischer Berater der Deutschen Bank, "etwa die Produktqualität und die Kapitalkosten."

Was genau sind aber die Lohnstückkosten? In einem ersten Schritt teilt man die gesamte Lohnsumme je Beschäftigten durch den Produktionswert je Beschäftigten. Es wird also Lohnhöhe in Beziehung zur Arbeitsproduktivität gesetzt. Kürzt man aus der Formel die Beschäftigung, die jeweils unter dem Bruchstrich steht, so bleibt: Lohnsumme geteilt durch Produktionswert. "Das aber ist nichts anderes als die Lohnquote", wie der niederländische Wirtschaftsstatistiker Merijn Knibbe betont. Die Lohnquote gibt an, wie viel von der gesamten Wertschöpfung den Arbeitnehmern - und wie viel den Kapitalgebern zukommt.

Um von hier zu den Lohnstückkosten zu kommen, wird die Produktion, die im Nenner - also unter dem Bruchstrich - steht, inflationsbereinigt, während die Löhne im Zähler weiter in laufenden Preisen gemessen werden. Die Lohnstückkosten sind also als Indikator ein seltsames Zwitterwesen. Und weil der Wert daher alleine wenig aussagt, lässt sich allenfalls seine Veränderungsrate interpretieren. Die Frage: "Wie viel Lohn kostet ein Stück" können die Lohnstückkosten nicht beantworten.

Die EZB erläutert, dass die Veränderung der Lohnstückkosten ausdrückt, wie viel Preisdruck von den Löhnen ausgeht. Neutral wäre die Situation also, wenn die Löhne mit der Produktivität stiegen - und ein jährlicher Aufschlag in Höhe der angestrebten Inflationsrate hinzukäme. Doch die Experten, die mit den Lohnstückkosten argumentieren, tun meist so, als sollten die Lohnstückkosten wegen der Wettbewerbsfähigkeit überhaupt nicht steigen. Das aber, so Knibbe, "wäre auf Dauer unvereinbar mit einem Inflationsziel von zwei Prozent und führte zu einer ständig sinkenden Lohnquote." Tatsächlich ist diese in der Zeit zwischen 1999 und dem Ausbruch der Finanzkrise fast überall gesunken.

Dass die Lohnstückkosten ein problematischer Indikator sind, ist unter Ökonomen weithin bekannt. So haben etwa Jesus Felipe und Utsav Kumar von der Asiatischen Entwicklungsbank festgestellt: "Es gibt historisch keine Beziehung zwischen Wachstum und Lohnstückkosten." Das ist in der Ökonomie als das Kaldor-Paradoxon bekannt.

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Der Wechselkurs spielt eine große Rolle

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  • Zitat: "Die Lohnquote gibt an, wie viel von der gesamten Wertschöpfung den Arbeitnehmern - und wie viel den Kapitalgebern zukommt".

    So viel Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Zu solchen Verirrungen kommt nur, wer die marxistisch Wertung der Rolle des Kapitals zutieftst verinnerlicht hat. Hätte sich der Verfasser dem Problem über das Anlagevermögen genähert, wäre er sachlich geblieben. Tatsächlich steigert das Sachvermögen nicht nur die Produktivität, sondern in erheblichem Maße die Kosten. Auf der Passivseite mindern diese Kosten den Gewinn. Zumeist stehen sie auch nicht im Eigenkapital der vermeintlichen Ausbeuter, sondern in den Verbindlichkeiten. Das klassenkämpferische Ausspielen der der Lohnstückkosten gegen die Kapitalkosten ist folgerichtig tendenziös.

  • Löhne sind auch Kaufkraft. Ich war bis vor kurzem selbstständig und habe die Entwicklung der vergangenen Jahre aufmerksam verfolgt. Die Verkaufstätigkeit in unserem Gewerbe ist sehr dienstleistungsintensiv und mit umfangreicher Beratung verbunden. Somit ergeben sich oft langjährige persönliche Beziehungen und tiefe Einblicke in die finanzielle Situation sowie die Lebensverhältnisse vieler Kunden.

    Auch in meiner wirtschaftlich starken Großstadt zeigt sich bei einem steigender Anteil der Kunden eine deutliche Verschlechterung der finanziellen Möglichkeiten, die sich höchst nachteilig auf unseren Geschäftserfolg auswirkt.

    Auffälliger ist für mich noch der merklich gröbere Ton, dem wir ausgesetzt sind. Weniger von Seiten etlichen Kunden selbst, sondern noch viel mehr im Umgang mit den in unsere Arbeit involvierten Institutionen und Dritten. Hier macht sich, meiner Ansicht nach, der rauere Wind bemerkbar, der heute nicht nur im existentiellen Bereich der Berufsarbeit herrscht, sondern in der Gesellschaft allgemein. Wo man früher eher den Konsens gesucht hätte, versucht man heute schneller dem anderen die Pistole auf die Brust zu setzen.

    Ich bin gewiss kein Kulturpessimist. Doch eines sollte uns sehr zu denken geben: Die Leute fühlen sich als Arbeitnehmer zunehmend ausgequetscht und übervorteilt. Früher waren sie stolz darauf, etwa bei Siemens oder der Deutschen Bank beschäftigt zu sein. Sie identifizierten sie sich stark mit „ihrem“ Unternehmen. Heute haben sie in der Regel, aus schlechter Erfahrung heraus, zu ihrem Arbeitgeber ein sehr distanziertes Verhältnis. Nicht selten ist ihnen ihr eigenes Unternehmen sogar peinlich. Das habe ich früher nie erlebt!

    Kurzfristig mag die Lohndrückerei scheinbare Erfolge vorweisen. Doch darf man von diesen Arbeitnehmern nicht mehr das vorbehaltlose Engagement erwarten, das, in einer so hochentwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft wie unserer, für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg notwendig ist.

  • Außerdem beeinflusse gesamtwirtschaftlich gesehen die Lohnhöhe die Nachfrage, so Felipe und Kumar.

    Dabei beißt sich die deutsche Katze in den Schwanz.
    Man hat nun seit 20 Jahren den Export stark gefördet, in den letzten 10 Jahren sogar durch Schaffung und Ausweitung von Niedriglohnbereichen. Diese Subventionierung des Niedriglohnes wird durch Ausweitung der Staatsquote für den Binnenmarkt drosselnd. Der derzeitige Binnenmarkt steht derzeit noch relativ gut da, weil viele Bundesbürger unsere Währung realistisch beurteilen und eine Wandlung in reale Werte vornehmen. Diese Wandlung in langlebige Güter geht aber nicht immer so weiter.
    Das Schlimme ist, daß unsere Politik nur für eine Legislaturperiode denkt und handelt.

    Somit ist auch das Erbe für Kinder und Enkel vorgezeichnet.

    Danke für diesen Artikel / So liebe ich HB

    Trotzdem noch einen schönen Abend.

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