Methodenstreit
Zwischen mathematischem Zauber und der Wirklichkeit

Wie weltfremd ist die VWL-Ausbildung? Ein junger Volkswirt, der vor wenigen Monaten sein Examen gemacht hat, zieht eine kritische Bilanz. Mathematik und theoretische Modelle seien für Ökonomen unverzichtbar – nur sollten sich die Professoren auch die Mühe machen, Nutzen und Grenzen der Theorie zu erklären. Viel zu oft werde in der Uni nur Modell an Modell gereiht.
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Mein erster Tag als Student der Volkswirtschaftslehre war ziemlich desillusionierend. Für wirtschaftspolitische Fragen schien sich mein Dozent nicht zu interessieren. Ihm ging es nur um Buchstaben und Gleichungen. „Y = G + C + I“ schrieb er an die Tafel. Auf die Frage eines Kommilitonen, wie man dieses „Y“ denn berechne, antwortete er: „Ganz einfach: Y gleich G plus C plus I!“ Dass die Bonner Volkswirte viel Wert auf Mathematik und quantitative Methoden legen, hatte ich ja vorher gewusst. Dass sich ein Professoren jedoch in einer so simplifizierenden Art der Volkswirtschaftslichen Gesamtrechnung nähern würde, hatte ich nicht erwartet.

Für mich war lange vor dem Abitur klar, dass ich Volkswirtschaftslehre (VWL) studieren möchte. Wirtschaftspolitische Fragen hatten mich schon immer interessiert: Wie bekämpft man Arbeitslosigkeit? Welche Rolle sollte der Staat in der Wirtschaft spielen? Kann man Aktienkurse vorhersagen? Doch in meiner ersten Vorlesung – „Makro I“ – merkte ich schnell: Diese Fragen konnte ich erstmal wieder vergessen.

Zum Glück hatte ich später auch andere Dozenten. Solche, die den großen Nutzen, aber eben auch die Grenzen von Mathematik und Modellen für die Analyse ökonomischer Fragen vermitteln konnten.

Modelle, das ist mir nach dreieinhalb Jahren Studium klar, sind eine Form, komplexe Fragen zu strukturieren und zu durchdenken. Sie zwingen dazu, Annahmen und Argumente klar zu formulieren. Modelle machen den Volkswirten das Behaupten schwerer und das Beweisen leichter. Sich generell gegen die quantitative Methode in der VWL zu stellen, ist gleichbedeutend mit der Forderung nach wissenschaftlich niedrigeren Standards. Leider fixieren sich viele Dozenten zu sehr auf die reine Theorie und reihen in ihren Vorlesungen Modell an Modell. Kein Wort dazu, dass jede Theorie ihre eigene Entstehungsgeschichte hat, oder dass hinter verschiedenen Modellgebäuden häufig konkurrierende wissenschaftliche Überzeugungen stehen. Eine kritische, reflektierte Sicht auf das Modell? Viel zu oft leider Fehlanzeige.

Erst in einer Vorlesung über „Öffentliches Recht“ zum Beispiel sensibilisierte mich der Dozent für die vielen rechtlichen, institutionellen und politischen Probleme, die auf realen Märkten bestehen und die dadurch zu Problemen für Ökonomen werden. Ohne rechtliche Institutionen, wie zum Beispiel der des Privateigentums, würden die quantitativ-empirische Ökonomie heute sicherlich anderen Fragen beschäftigen. In den Modellen werden solche Vorbedingungen des freien Handels einfach implizit vorausgesetzt.

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