Moderne Makroökonomie
Keynes und seine Sklaven

Zum 60. Todestag von Keynes schreibt der renommierte Berliner Makroökonom Harald Uhlig über Einfluss und Bedeutung des britischen Vordenkers. Seine These: Moderne Makroökonomie ist ohne Keynes undenkbar.

Auf lange Sicht sind wir alle tot.“ Hat Keynes gesagt. Insbesondere Keynes ist tot, schon sehr lange. Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, am 21. April 1946, ist er im Alter von knapp 63 Jahren gestorben.

Obwohl moderne Makroökonomie ohne Keynes undenkbar ist, heißen die Architekten des heutigen Standes der Erkenntnis Arrow und Debreu, Samuelson, Lucas, Sargent, Prescott, Kydland, Sims, Hall, Blanchard, Taylor, Fischer, Barro, Romer. Nicht Keynes.

Keynes hat auch gesagt: „Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verstorbenen Ökonomen.“ Zu dieser Liste der verstorbenen Ökonomen zählt er nun selbst. Denn die öffentliche Debatte über Makroökonomie bestimmt er bis heute. Zäh hält sich eine Version seiner Ideen als Vulgär-Keynesianismus in der öffentlichen Debatte, in den Köpfen vieler Politiker, Journalisten und der interessierten Öffentlichkeit. Für einen wissenschaftlich arbeitenden Makroökonomen ist das erstaunlich.

Das Problem: Viele Elemente dieses Vulgär-Keynesianismus sind – aus gegenwärtiger, wissenschaftlicher Sicht – sicherlich schon im Ansatz falsch, und andere sind stark umstritten. Und führen dadurch zu wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen, unter denen die ganze Nation leiden muss. Zu den falschen Elementen zählt: Der Staat schafft Arbeitsplätze. Und: Es gibt nicht genug Arbeitsplätze für alle. Zu den stark umstrittenen Elementen gehört: Der Staat kann durch Mehrausgaben die Wirtschaft „ankurbeln“.

Entstanden sind die Theorien von Keynes in der Zeit der großen Depression Ende der zwanziger Jahre. Diese hatte die damalige Konjunkturtheorie in eine tiefe Krise gestürzt: Wie konnte so etwas nur passieren? In seinem bahnbrechenden, fast genau vor 70 Jahren erschienenen Werk „General Theory of Employment, Interest and Money“ bot Keynes eine dringend benötigte Erklärung. Seiner Analyse nach fehlte es an ausreichender Nachfrage. Das Arbeitsangebot – das sind die „Arbeitnehmer“, nicht die „Arbeitgeber“ – schaffe sich nicht automatisch seine eigene Nachfrage, wie 100 Jahre zuvor Jean-Baptiste Say postuliert hatte. Im Gegenteil: Gibt es eine Störung, entstehe Arbeitslosigkeit. Arbeitslose kauften weniger Güter, die Unternehmen produzierten noch weniger, was noch mehr Arbeitslosigkeit verursache. Dieser Multiplikator-Effekt verschlimmere alles nur noch. Die Wirtschaft komme von selbst nicht oder nur zu langsam zurück ins Gleichgewicht. Der Staat könne helfen, indem er die Staatsausgaben erhöht und so die Nachfrage stimuliert, die Nachfragelücke schließt.

Seite 1:

Keynes und seine Sklaven

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%