Neue Studien
Die Kraft der Alten

In 25 Jahren wird jeder vierte Beschäftigte älter als 55 Jahre alt sein. Bei Wirtschaftswissenschaftlern galt diese Altersgruppe bislang als unproduktiv und überbezahlt. Neue Studien belegen aber: Sie ist besser als ihr Ruf.
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KÖLN. Den Großteil seiner Studenten hängt er locker ab. Arbeitsmarktökonom Jan van Ours, 56, läuft den Halbmarathon in 1:42 Stunden. Ein Foto auf seiner Homepage zeigt den drahtigen Wissenschaftler verschwitzt durch den Wald laufen, unter der Überschrift "My fastest runs" hat er seine Bestzeiten aufgelistet. Doch was auf den ersten Blick nach Selbstdarstellung aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als weit mehr: Jan van Ours selbst ist der beste Beweis für die These, mit der der Tilburger Hochschullehrer den Forschungs-Mainstream angreift: "Nur weil Menschen altern, sind sie nicht automatisch weniger leistungsfähig", sagt van Ours.

Der Ökonom gehört zur Gruppe der Arbeitskräfte, die in ganz Europa unaufhaltsam auf dem Vormarsch sind. Bis zum Jahr 2035 wird sich in Deutschland der Anteil der "Generation 55+" durch den demografischen Wandel verdoppelt haben, rechnet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor. Jeder Vierte gehört dann zu dieser Gruppe.

Gleichzeitig explodiert die Beschäftigungsquote der Älteren geradezu. Noch vor fünf Jahren hatten laut Bundesagentur für Arbeit weniger als 30 Prozent der 55-65-Jährigen einen Job, heute sind es fast 40 Prozent, Tendenz steigend. In kürzester Zeit zehn Prozentpunkte mehr, "das ist eine sensationelle Entwicklung", bestätigt der Bonner Ökonom Hilmar Schneider. Der Arbeitsmarkt-Direktor des Instituts der Zukunft der Arbeit (IZA) geht davon aus, dass die Hartz-Reformen, die einen frühzeitigen Berufsausstieg finanziell unattraktiv machen, für den rapiden Anstieg verantwortlich sind.

Glaubt man den gängigen Modellen, die die Arbeitsmarktökonomie seit Jahrzehnten beherrschen, ist die höhere Quote zwar erfreulich für die älteren Beschäftigten. Für Unternehmen und die Volkswirtschaft ist die Alterung der Belegschaft jedoch ein Horrorszenario. Denn das Bild, dass die Ökonomen bislang von den rentennahen Jahrgängen zeichneten, ist alles andere als schmeichelhaft: unproduktiv, unmotiviert und überbezahlt. Ende der 70er- Jahre entwickelte der Stanford-Ökonom Edward Lazear, der bis heute einer der renommiertesten Humankapital-Forscher überhaupt ist, die viel beachtete "No-Shirking-Theorie".

Lazear geht davon aus, dass Unternehmen älteren Angestellten mehr zahlen, als sie erwirtschaften. In seinem Modell dient der Lohn als Anreiz, sich nicht vor der Arbeit "zu drücken" (engl. to shirk). Berufseinsteiger bekommen einen Lohn, der unter ihrer Produktivität liegt, wenn sie sich ständig anstrengen, werden sie im Alter mit Lohnsteigerungen kompensiert. Die Folge: Wird der Anteil der Älteren zu groß, kann sich das Unternehmen diese Überbezahlung nicht mehr leisten, die Unternehmen gingen dann zwangsläufig pleite.

Doch gleich mehrere aktuelle Studien widersprechen diesem Horrorszenario; der Boom der Beinaherentner sei kein Grund zur Sorge. "Wir haben keinen Hinweis darauf gefunden, dass die Produktivität mit steigendem Alter abnimmt", sagt zum Beispiel Axel Börsch-Supan. Der Forscher des Mannheimer Instituts für Ökonomie und Demographischen Wandel (MEA) hat den Fließbandarbeitern in einer süddeutschen Autofabrik auf die Finger geschaut. Das Ergebnis: Zwar unterlaufen den Älteren häufiger Fehler, allerdings sind diese weit weniger folgenschwer als die Fehler der Jüngeren. Börsch-Supan führt das auf größere Berufserfahrung zurück: "Die Älteren haben ein besseres Gespür für heikle Situationen. So kompensieren sie ihre größere Fehlerhäufigkeit", sagt der Ökonom. Rechne man alles zusammen, seien beide Gruppen gleich produktiv.

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  • Guter Artikel
    ich bin ingenieur und werde in Kürze 70,Arbeite aber immer noch sehr intensiv auf hohem Niveau. Allerdings geht das nur noch als freier Mitarbeiter.
    ich kann mich noch gut an die 90er Jahre erinnern. Wenn da einer mit 50 noch nach Arbeit strebte lief er Gefahr vom nächsten Gewerkschafter als Sozialschädling erschossen zu werden. Der will den Jungen den Arbeitsplatz wegnehmen! Das war breiter Konsens auch bei den Firmen und für die betroffenen eine harte Zeit. ich denke dabei auch an die vielen wider Willen Zwangspensionierten. Da hat sich heute erstaunliches ernwickelt, die grosse berufserfahrung wird wieder geschätzt. Trotzdem lese ich immer wieder Stellenangebote in denen ingenieure möglichst nicht über 30 gesucht werden aber mit mindestens 5-8 Jahre berufserfahrung für ausgesprochen anspruchsvolle Führungs- und Fachaufgaben. Ein Teil der industrie hats immer noch nicht verstanden und nach meiner Erfahrung an erster Stelle die Personalberatungen. Eine bewerbung als über 45-50j alter ingenieur auf deren Offerten ist das Porto nicht wert :)

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