Neue Studien
Die Ökonomie des Terrors

Mit empirischen Methoden stellen Wissenschaftler den bisherigen Umgang mit Terrorismus grundlegend infrage. So spricht einiges dafür, dass die Bedrohung durch Anschläge deutlich überschätzt wird - und dass die Angst davor schlimmer ist als der direkte Schaden.
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DÜSSELDORF. An Tilman Brücks Bürotür hängt eine Karte. Sie fasst Bedrohung in schlichten Zahlen zusammen. Die Karte der europäischen Polizeibehörde Europol zeigt die Zahl der Anschläge und Verhaftungen in Europa aus dem Jahr 2008, die im Zusammenhang mit Terrorismus standen. Vor allem die Zahlen zum islamistischen Terror sind minimal, verglichen mit der von den Bürgern gefühlten Bedrohung: Auf der Karte ist kein einziger islamistischer Anschlag ausgewiesen und europaweit nur 187 Verhaftungen.

Tilman Brück leitet den Forschungsschwerpunkt "European Security Economics" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, und er weiß: Zwischen schnöder Statistik und öffentlicher Wahrnehmung liegen Welten. Brück gehört zu einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die den Kampf gegen den Terror mit den Methoden der Ökonomie analysieren.

Lange haben Volkswirte dieses Thema ihren Kollegen aus anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen überlassen, erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001 interessieren sie sich für Ursachen und Folgen des Terrorismus: Wie groß sind die Gefahren, wie können wir sie am besten eindämmen und was macht Menschen zu Terroristen?

Brück und seine Mitstreiter geben sich nicht damit zufrieden, die Taten als das Werk politisch oder religiös verblendeter Einzeltäter zu betrachten. Sie suchen nach tieferen sozialen und wirtschaftlichen Ursachen. Ihre Antworten widersprechen häufig der in Politik und Öffentlichkeit verbreiteten Sicht, und ihre Schlussfolgerungen stellen unseren bisherigen Umgang mit dem Phänomen grundlegend in Frage.

Überschätztes Risiko

Einiges spricht dafür, dass wir die Bedrohung durch Terroranschläge deutlich überschätzen. So ist die Wahrscheinlichkeit, durch einen Blitzschlag zu sterben, in Deutschland viel größer als die, Opfer eines Terroranschlags zu werden. In den vergangenen zehn Jahren starben hierzulande 40 Menschen durch Blitzschlag - aber kein einziger durch die Hand von Terroristen, zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes und der Global Terrorism Database (GTD) der Universität Maryland.

Der direkte Schaden, den Terroristen anrichten können, ist allerdings auch nicht die größte Gefahr, wissen Ökonomen: Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive ist die Angst vor Terror weit schlimmer als die unmittelbaren Folgen von Anschlägen.

So hat ein Forschertrio um den Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey in einer Studie mit dem Titel "Calculating Tragedy: Assessing the Costs of Terrorism" am Beispiel Nordirlands gezeigt: Der durch Terrorismus verursachte Schaden geht weit über die Zahl der Todesopfer sowie direkte und indirekte materielle Verluste hinaus. Die Angst vor Terrorismus mindert die Lebensqualität der Menschen beträchtlich. Um Personen für die erlittenen Ängste im Zusammenhang mit Terrorismus zu entschädigen, wären substanzielle Einkommenssteigerungen notwendig.

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