Neuer Trend: Experimentelle Betriebswirtschaftslehre
BWL aus dem Labor

In der VWL sind Experimente längst Standard – jetzt entdecken auch immer mehr Betriebswirte die Methode. Die Uni Magdeburg baut sogar einen Forschungsschwerpunkt "Experimentelle Betriebswirtschaftslehre" auf. Was steckt hinter dem neuen Trend?
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Mit Betriebswirtschaftslehre (BWL) hatte die Aufgabe, die der Kölner BWL-Professor Dirk Sliwka seinen Studenten vor kurzem stellte, auf den ersten Blick nicht viel zu tun. Sliwka setzte angehende Betriebswirte vor den Computer und präsentierte eine Stunde lang nach dem Zufallsprinzip generierte Zahlenkolonnen. Die Studenten sollten zählen, wie oft die Sieben in dem Datensalat auftauchte.

Eine hochgradig stupide Aufgabe – aber sie diente der Wissenschaft. Mit dem Experiment konnte Sliwka belegen: Die Leistungen einer Gruppe wird besser, wenn die einzelnen Mitglieder des Teams sich bei der Arbeit beobachten können.

Das Ergebnis steht im Gegensatz zur Theorie: „Ökonomen und Praktiker haben immer befürchtet, dass es in Gruppen zu Trittbrettfahrereffekten kommt – dass also manche Mitglieder faulenzen, wenn sie wissen, dass ihre Entlohnung auch vom Engagement der anderen abhängt“, sagt Sliwka. „Aber es ist genau umgekehrt, wenn sie sich nur gut genug beobachten können.“ Für die Personalführung in Unternehmen ist diese Erkenntnis interessant: Wer als Chef für Transparenz in einem Team sorgt, kann Arbeitsanreize setzen, ohne die einzelnen Beschäftigten auf Schritt und Tritt kontrollieren zu müssen.

Nicht nur inhaltlich betritt Sliwka mit seiner Forschung Neuland, auch seine Methode ist für Betriebswirte innovativ. Denn Laborexperimente – im Schwesterfach Volkswirtschaftslehre schon länger etabliert – sind in der betriebswirtschaftlichen Forschung bislang eher die Ausnahme als die Regel. „Die BWL hatte lange keine ausgeprägte empirische Forschungstradition. Experimente waren deutlich untergewichtet“, sagt der renommierte Mannheimer Betriebswirt Christian Homburg. „Aber in der letzten Zeit werden Versuche immer beliebter. Und sie werden weiter zunehmen.“

Inzwischen stehen Personalökonomen, Bankenexperten und Logistiker vor den Laboren Schlange. Daher bauen die Wissenschaftler an der Uni Magdeburg ihr Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung, das zu einem der best ausgestatteten in Europa gehört, gezielt zum Treffpunkt für Betriebswirte aus. Joachim Weimann, Dekan der ökonomischen Fakultät und Leiter des Labors, entwirft mit seinen BWL-Kollegen derzeit einen bisher einzigartigen Forschungsbereich „Mathematische und experimentelle BWL“.

„Es war nicht schwierig, die Betriebswirte dafür zu begeistern“, sagt Weimann. „Die sehen, dass unser Labor seit zehn Jahren anerkannte Ergebnisse für die VWL liefert. Jetzt brennen sie darauf, es selber auszuprobieren.“ So will ein Logistik-Professor im Labor Lieferketten modellieren; eine Professorin für Internationales Management untersucht, wie sich Anreizsysteme in unterschiedlichen Kulturen auswirken.

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