Neues Menschenbild

Wenn der „Homo oeconomicus“ irrt

Die deutsche Berkeley-Professorin Ulrike Malmendier will den Menschen verstehen, wie er ist - und stellt das gängige Menschenbild der Wirtschaftswissenschaft in Frage. Dafür erhält sie Anerkennung – aber auch Gegenwind.
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Ulrike Malmendier: Den Menschen nehmen, wie er ist. Quelle: Frederic Neema/ Laif

Ulrike Malmendier: Den Menschen nehmen, wie er ist.

(Foto: Frederic Neema/ Laif)

Ulrike Malmendier ist die wohl einzige Ökonomie-Professorin, auf deren Veröffentlichungsliste lateinische Titel auftauchen. Denn die deutsche Volkswirtin, die seit 2008 Professorin auf Lebenszeit an der amerikanischen Eliteuniversität Berkeley ist, hat in Bonn einst neben Ökonomie Jura studiert - und über römisches Recht promoviert. Später legte die 39-Jährige in Harvard einen Doktor in Volkswirtschaftslehre nach.

Und so stammen auch Arbeiten wie „De foeminis iuris prudentia inbutis“ (Über juristisch geschulte Frauen) oder „Societas publicanorum“ (Staatliche Wirtschaftsaktivitäten in den Händen privater Unternehmer) aus ihrer Feder. Das ist mehr als eine Skurrilität.

Ohne ihr Jura-Studium wäre Malmendier als Ökonomin vielleicht nie so weit gekommen. Es war der Kontrast zur Rechtswissenschaft, der sie die Schwächen der ökonomischen Standard-Theorie erkennen ließ. In der VWL herrschte ein Bild vor, dass vom Menschen als vollständig rationalem Akteur ausging. Bei den Juristen dagegen ging es um Menschen, die Fehler machen. „Da spielt es eine große Rolle, ob der Täter kalkuliert gehandelt hat oder sich von Gefühlen hat hinreißen lassen“, sagt sie.

So sei ihr der Gedanke gekommen, der ihre Forschung prägt: „Auch Ökonomen sollten versuchen, den Menschen besser zu verstehen.“ Mit diesem Leitgedanken hat es Malmendier weit gebracht. Sie ist eine der weltweit führenden Spezialisten für verhaltensorientierte Wirtschaftsforschung („Behavioral Economics“). Dieser Forschungszweig versucht, die Modell- und Theoriewelt der Ökonomen mit dem tatsächlichen Verhalten von echten Menschen in Einklang zu bringen. Etwa, indem es Bezüge zur Psychologie hergestellt werden.

„Die Leute haben das einfach noch nicht verstanden“
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7 Kommentare zu "Neues Menschenbild: Wenn der „Homo oeconomicus“ irrt"

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  • "Dieser Forschungszweig versucht, die Modell- und Theoriewelt der Ökonomen mit dem tatsächlichen Verhalten von echten Menschen in Einklang zu bringen."

    ..man sollte bedenken, dass die Wirtschaftswelt selbst den Menschen zunehmend verändert.

  • Mir gefällt der Begriff "durch die Massenmedien konditionierte Konsumratten" besser.

  • "Wir sind doch längst beim Homo-Idioticus angekommen."

    *lach*, ja da ist wirklich was dran.
    Es wird den Leuten eingeredet mit den jeweiligen Produkten kauft man Anerkennung und Stolz gleich mit.
    Eine Analyse der Werbebotschaften auf breiter Front und eine Produktbeschreibung vom Anfang bis zum Ende, inkl. der Produktionsbedingungen, würde den geprägten Homo-Irgendwas voll aus den Fugen bringen.
    Den ich denke, der Absatz ist inzwischen keine Frage des Produkts selbst mehr, sondern eine Frage des Werbebudgets.
    Und damit ist man schon wieder beim Leitsatz im Geschäftsleben, den man immer wieder hört. Jeden Tag steht ein Dummer auf ...


  • Sie schreiben: "In der VWL herrschte ein Bild vor, dass vom Menschen als vollständig rationalem Akteur ausging"

    Das ist so nicht richtig. Der vollständig rationale Akteur kommt in Erstsemester-Vorlesungen vor, er ist ein vereinfachtes und extremes Bild des Homo Oeconomicus; geeignet um die einfachsten Modelle der Mikroökonomie zu erklären.

    Kern des Homo Oeconomicus ist die Fähigkeit, seinen Handlunsraum abzuschätzen und die Handlungsalternativen zu bewerten, nicht jedoch vollständige Information und Rationalität in jeder Situation. Siehe hierzu das Buch "homo oeconomicus" von Kirchgässner, vor Jahrzehnten erschienen.

  • Zitat:Vielleicht muß erst noch der Homo-consumicus geschaffen werden,
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    Wir sind doch längst beim Homo-Idioticus angekommen.
    Zu viele Menschen laufen doch jedem Zeitgeist nach, sitzt da und nimmt die täglichen Befehle in Empfang, was er zu tun hat, zu kaufen hat, zu konsumieren hat, zu welchen Massenveranstaltungen er zu laufen hat- wo er überall unbedingt dabei sein muß u.s.w.
    Er hört erst auf, wenn die Not ihn dazu zwingt, wenn das Konto leer ist, wenn alles verpulvert wurde- Party Brot und Spiele- bis zum bitteren Ende. Jeder Bereich des Lebens wird heute von Zwängen geleitet, und der Mensch ist nicht fähig, denen zu widerstehen. Er rennt mit der Herde dahin , wo ihn der Treiber hintreibt.
    Die Menschheit hat sich zurückentwickelt, was das Bewusstsein für das leben angeht.Die Technik hat er weiterentwickelt-aber der Geist- ist zurückgeblieben. Alle Errungenschaften, den Fortschritt der Wissensachften, verantwortlich zu handhaben, dazu ist er derzeit nicht in der Lage. Der Mensch als Gattung muß eben auch zum Menschen-das was wir als menschlich -human-bezeichnen, erzogen und geprägt werden. Andernfalls bleibt er im animalischen Verhalten stecken.

  • Das Schlimmste ist eigentlich die ungerechte Verteilung der Intelligenz und des Wissens. Dieses wird auf der einen Seite marketingtechnisch in allen Variationen und Facetten gegen den Konsumenten in Stellung gebracht. Die SÜßigkeiten an der Supermarkt-Kasse, die Billigprodukte im Bück-Regal und due Marken (also teuren Produkte) in Greifhöhe.

    Vielleicht sollten die Markteilnehmer endlich unmanipulierte Supermärkte schaffen, die den Kunden nicht beim Betreten versuchen zu entmündigen, so dass dieser wieder selbstgesteuert (die kalkulierbare Masse tut' exakt das Gegenteil) einkaufen kann. Mir kommt das Kotzen bei billiger idiotischer Werbung, bei Werbeslogans die man ungeprüft die Toilette runterspülen kann und bei manipulativen Angeboten von Versicherungen bis Autohandel. Am dämlichsten aber war immer noch die Werbung der Postbank in der sie versuchte den Omis und Opis Fonds aufs Auge zu drücken mit einer mehrmonatigen Zin´sgarantie und danach der freie Fall ins Risiko mit dén Ersparnissen.

    Merkt denn keiner, dass hier ein volkswirtschaftlicher nachhaltiger Schaden entsteht weil man eine "Pseudo-Wissenschaft" (Marketing) künstlich hochzüchtet, die den Blick vom Produkt zieht und gegen eine Illussion austauscht?

    Aber noch etwas Spass zur Sache: es geht ja weiter als wir denken und viele lassen sich ja auch gerne täuschen... z.B. die Männer die dann den Damen mit Silikonbrüsten nachgucken... in die Hand nehmen will man sie nach dem Test nicht mehr und ein befriedigendes Gefühl bleibt auch nicht zurück... Kommen wir doch wieder auf den Boden zu echten Werten. Ja, genau dies ist das Stichwort! Die Frage dazu lautet: warum wird im Moment weltweit immer noch agressive GOLD aufgekauft... der Denker muss nicht mehr nachsinnieren. Der Manipulierte weiss nicht worum es geht... Na merken Sie etwas?
    .
    PS: Ich fand den Artikel sehr authentisch!

  • "Viele Gutachter haben uns erklärt, wie dumm wir sind“, erinnert sie sich."

    Hat sich ja nicht viel dran geändert, wenn man sich die aktuelle Wirtschaftspolitik ansieht.
    Vielleicht muß erst noch der Homo-consumicus geschaffen werden, damit die Leute wissen was sie kaufen.

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