Niall Ferguson
Ein Popstar für Finanzgeschichte

Niall Ferguson, Harvard-Professors für Finanzgeschichte, hat es noch nie an Selbstbewusstsein gefehlt: Schon vor Ausbruch der Finanzkrise warnte er Bankmanger vor dem Platzen der Spekulationblase. Der schottische Historiker ist es gewohnt, unterschätzt zu werden - und liefert sich auch in der Krise verbale Gefechte mit renommierten Ökonomen.
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ZÜRICH. Schon sein Äußeres passt nicht in die üblichen Schubladen der ökonomischen Disziplin. Statt eines grauen Anzugs trägt Niall Ferguson ein modernes Jackett aus braunem Cord. Er sieht besser aus als die meisten seiner Kollegen, spricht besser als ein Politiker und inszeniert seine öffentlichen Auftritte wie ein Rockkonzert. Und dann ist der gebürtige Schotte auch noch ein Historiker und damit all jenen Wirtschaftswissenschaftlern suspekt, die ihr Fach mehr den Natur- als den Sozialwissenschaften zuordnen.

Dass man die Meinung des Harvard-Professors für Finanzgeschichte dennoch nicht weniger ernst nehmen muss, musste kürzlich auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erfahren. Beide lieferten sich ein öffentliches Duell über die Frage, ob die hohen Haushaltsdefizite in den USA die langfristigen Zinsen nach oben treiben und somit den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden. Ferguson weist auf den historischen Zusammenhang zwischen hohen Staatsdefiziten und steigenden Inflationsängsten hin. Krugman argumentiert rein ökonomisch und sieht in den steigenden Zinsen ein Zeichen der Normalisierung auf den Kreditmärkten. Ferguson wirft er mangelnde ökonomische Kenntnisse vor.

Der erst 43-jährige Historiker ist es gewohnt, unterschätzt zu werden. Sein Selbstbewusstsein hat darunter jedoch nicht gelitten. Mit Genuss erzählt er jene Anekdote, in der er kurz vor Ausbruch der Finanzkrise von einem Geldhaus eingeladen war, den versammelten Finanzprofis die Zukunft zu lesen. Ferguson warnte damals vor einem bösen Ende der Spekulationsblase. Die Manager bezeichneten ihn als ahnungslosen Miesmacher. Wenige Monate später lag die Wall Street in Trümmern. Auch dass Ferguson beim vergangenen Stelldichein der globalen Elite in Davos weitab in einer Pension untergebracht war, tat seinem Ruhm keinen Abbruch. Er war neben Nouriel Roubini und Nicholas Taleb trotzdem einer der Stars des alpinen Brain-Stormings.

Denn seine öffentlichen Auftritte sind keine trockenen Vorlesungen, sondern mit rhetorischen Höhepunkten erzählte Geschichte. Ähnlich fesselnd lesen sich die Bücher des jugendlichen Professors. Sein jüngstes Buch „The Ascent of Money“ ist ein internationaler Bestseller geworden.

Der Historiker beschreibt darin mit viel Sprachwitz, wie wichtig Finanzinnovationen für den wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit waren. Zugleich warnt er davor, die Finanzmärkte nach den schmerzlichen Erfahrungen der Krise zu verdammen. Der ewige Wechsel von Gier und Panik sei Teil der menschlichen Natur. Wir müssten also mit dem Auf und Ab auf den Finanzmärkten leben, könnten aber einiges dafür tun, die Exzesse zu begrenzen.

Den Ökonomen und Finanzmanagern empfiehlt er, sich weniger an mathematische Modelle als an historische Lektionen zu halten. „Viele Manager gründen ihr Risikomanagement auf die Erfahrungen ihrer eigenen Karriere, was etwa 25 Jahre entspricht. Das ist nicht viel im historischen Kontext“, sagt Ferguson.

Der in Glasgow geborene Popstar für Finanzgeschichte verbrachte als junger Forscher zwei Jahre in Hamburg und Berlin. Sein erstes Buch hat den Titel „Paper and Iron: Hamburg Business and German Politics in the Era of Inflation 1897-1927“. Vermutlich haben die Kenntnisse der deutschen Geschichte dazu beigetragen, dass Ferguson für die Skepsis der Deutschen gegenüber hohen Staatsschulden und für ihre Inflationsängste ein besonderes Verständnis hat. Dennoch warnt er die politische Elite hierzulande davor, die Krise als Versagen des angelsächsischen Kapitalismus abzutun. Deutschland sei als Teil des westlichen Finanzsystems und Exportweltmeister mitschuldig an dem globalen Desaster.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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