Nobelpreis für Wirtschaft
Der schwer begreifliche Mechanismus

Ein zunächst verbreiteter Übersetzungsfehler macht deutlich, dass „Mechanism Design“ der breiten Öffentlichkeit nicht gerade vertraut ist. Genau dafür sind die drei US-Forscher Leonid Hurwicz, Eric S. Maskin und Roger B. Myerson jetzt aber mit dem Wirtschaft-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Es ist ein wichtiges, aber ziemlich schwieriges und abstraktes Forschungsgebiet. Ein Erklärungsversuch.
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ost/doh DÜSSELDORF. Was genau verbirgt sich hinter Mechanismus-Design? Im Grunde geht es darum, wie und mit welchen Verfahren („Mechanismen“) Menschen die Verteilung knapper Ressourcen – Ökonomen sprechen dabei von Allokation – am besten organisieren sollten. Vereinfacht gesagt haben die diesjährigen Nobelpreisträger Hurwicz, Maskin und Myerson versucht, mehr Details über die berühmte „unsichtbare Hand des Marktes“, die schon Adam Smith 1776 beschrieben hat, herauszufinden.

Zwei Fragen stehen dabei im Zentrum des Forschungsgebiets: Wie genau und unter welchen Bedingungen funktionieren Märkte und wann versagen sie? Und welche alternativen Mechanismen zur Verteilung von knappen Ressourchen gibt es?

Eine entscheidende Leistung des jetzt geehrten Wissenschaftler-Trios ist dabei, den Blick der Ökonomie über dem Marktmechanismus hinaus deutlich geweitet zu haben. So schreibt die Schwedische Akademie der Wissenschaft zur Begründung ihrer Nobelpreis-Entscheidung: „Vor der Einführung des Mechanismus-Designs war die mikroökonomische Analyse von Allokationsmechanismen hauptsächlich eine Theorie von Märkten.“

Ausgangspunkt der Arbeiten von Hurwicz, Maskin und Myerson ist die Erkenntnis: So gut, wie von Adam Smith beschrieben, funktioniert der Preismechanismus und freie Spiel von Angebot und Nachfrage nur unter sehr engen und unrealistischen Voraussetzungen – nämlich nur dann, wenn auf einem Markt vollständige Konkurrenz herrscht, es beim gehandelten Gut keinerlei Qualitätsunterschiede gibt und sämtliche Akteure über alle relevanten Informationen verfügen.

„Die Mechanismus-Design-Theorie stellt eine deutlich allgemeinere Frage“, betont die schwedische Akademie der Wissenschaft: „Welches Verfahren zur Allokation von Ressourcen führt unter weniger strengen Annahmen zum bestmöglichen Ergebnis?“ Eine wichtige Erkenntnis des Forschungszweigs ist, dass Märkte in vielen Fällen auch dann vergleichsweise gut funktionieren, wenn die strengen theoretischen Voraussetzungen der vollständigen Konkurrenz verletzt sind.

Andererseits bestätigt der Forschungszweig, dass der Markt mitunter versagt – vor allem immer dann, wenn nicht möglich ist, die Menschen, die nicht bereit sind, für die Bereitstellung eines Gutes zu zahlen, von der Nutzung auszuschließen. „Dann hat jeder hat einen Anreiz, seine eigene Zahlungsbereitschaft zu untertreiben, in der Hoffnung, dass die anderen bereit sind, mehr zu zahlen“, erläutert der Kölner Volkswirt Axel Ockenfels. Ökonomen sprechen dabei von öffentlichen Gütern, prominente Beispiele dafür sind städtische Straßenbeleuchtungen, öffentliche Sicherheit oder eine saubere Umwelt.

„Für die gesamte Trittbrettfahrerthematik, die sich quer durch die Wirtschaftswissenschaften zieht, haben die Laureaten mit ihren Erkenntnissen eine Basis gelegt“, sagt Urs Schweizer, Ökonomie-Professor an der Uni Bonn.

Dass Märkte dabei nicht funktioneren und daher der Staat gefragt ist, war auch der traditionellen Ökonomie schon bewusst. „Die Mechanismus-Design-Theorie machte diese Intuition allerdings wesentlich präziser“, betont die Akademie weiter.

Den Grundstein für die jetzt ausgezeichnete Teildisziplin legte der 1917 in Moskau geborene Leonid Hurwicz im Jahr 1960. Er definierte einen „Mechanismus“ als Vorgang, bei dem die Teilnehmer untereinander bzw. mit einem Koordinator Signale austauschen und es anhand klarer Regeln auf Grundlage dieser Signale zu einem Ergebnis kommt. Damit schuf Hurwicz einen Analyserahmen, mit dem sich Ergebnisse von Märkten und marktähnlichen Institutionen mit denen alternativer Allokationsmechanismen vergleichen lassen. "Nach der Mechanism Design Theorie ist das ökonomische Grundproblem, dezentral anfallende Informationen so zu bündeln, dass eine sinnvolle Entscheidung, die eine ganze Gruppe von Individuen betrifft, herauskommt", schreibt der Mannheimer Ökonomie-Professor Hans Peter Grüner in seinem Weblog.

Zwölf Jahre nach seinem ersten Beitrag entdeckte Hurwicz 1972 das sogenannte „revelation principle“ („Preisgebungsprinzip“), das die Analyse von Mechanismus-Design-Problemen erheblich erleichtert. Hurwicz zeigte: Ein Ökonom, der nach dem besten Allokationsmechanismus sucht, kann seine Aufmerksamkeit auf eine kleine Teilmenge von Mechanismen beschränken, die mit den Anreizen der handelnden Akteure kompatibel ist.

„Hurwicz hat die grundsätzliche Fragestellung aufgebracht und in ihren Grundzügen beantwortet, Maskin und Myerson haben diese Erkenntnisse in speziellere Modelle gegossen und damit Bahnbrechendes erforscht“, erläutert Benny Moldovanu. Der Ökonomie-Professor an der Uni Bonn gehört selbst zu den führenden Forschern auf dem Gebiet des „mechanism designs“ – Moldovanus Forschung wird in der Begründung von der schwedischen Wissenschaftsakademie zitiert. Er sagt: „Alle drei sind Theoretiker mit herausragender Bedeutung für die anwendungsorientierte Forschung.“

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