Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft
"Wir denken über Umweltökonomie nach"

Peter Englund, Chef des Auswahl-Komitees für den Ökonomie-Nobelpreis, spricht im Handelsblatt-Interview über die großen Trends der Wirtschaftswissenschaft. Das Gespräch führte Olaf Storbeck:

Herr Professor Englund, warum vergehen in Ökonomie meist Jahrzehnte, bis ein Forscher für seine Arbeit den Nobelpreis bekommt?

Die Zeitverzögerung, die Sie beschreiben, ist in der Tat ein Problem. Aber das Auswahlkomitee steht vor einer schwierigen Abwägung. Einerseits wollen wir, dass der Preis aktuell ist und Einfluss darauf hat, was in der ökonomischen Profession als wichtig angesehen wird. Andererseits wollen wir vermeiden, dass wir etwas prämieren, was sich später als unwichtig oder sogar falsch herausstellt. Wir sind relativ risikoavers.

Also wird es Jahrzehnte dauern, bis ein neues Feld wie Neuro-Ökonomie in Frage kommt?

Das ist schwer zu sagen. Es ist durchaus möglich, dass das schneller passiert. Die Analyse der kognitiven Grundlagen für menschliche Entscheidungen ist einer der wichtigen Forschungstrends, viele Wissenschaftler arbeiten daran. Ich persönlich finde das Feld extrem faszinierend. Aber noch kann man schwer abschätzen, wie einflussreich die neue Disziplin wirklich sein wird. Und wie gesagt: Wir sind risikoavers.

Gut zwei Drittel aller Preisträger sind Amerikaner. Warum sind Europas Volkwirte nicht wettbewerbsfähig?

Meiner Meinung nach sagt diese Relation mehr über die Universitäten als über die Forscher aus. Sie zeigt, wie stark das US-Hochschulsystem ist - es zieht weltweit die klügsten Köpfe an. Gerade in der jüngeren Forschergeneration sind das aber zunehmend Nicht-Amerikaner. Ich bin daher sicher: In fünf bis zehn Jahren ist es an der Tagesordnung, dass der Preis an Nicht-Amerikaner geht, die an US-Universitäten forschen.

In den 70er-Jahren ging der Nobelpreis oft an Allround-Ökonomen wie Samuelson oder Buchanan. Warum werden heute meist Forscher ausgezeichnet, die viel kleinteiliger arbeiten?

Der Hauptgrund ist, dass die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen 30 Jahren ein ganzes Stück erwachsener geworden ist. Die Arbeitsteilung hat deutlich zugenommen. In vielen Forschungsfeldern gibt es heute schon einen großen Fundus an Erkenntnissen. Dort können die Fortschritte nur noch vergleichsweise gering sein. Aber nach wie vor gibt es auch ganz neue Forschungsfelder, die ausgezeichnet werden - denken Sie nur an Wirtschaftspsychologie und experimentelle Ökonomie.

Auffällig ist, dass der Preis immer häufiger für Methoden vergeben wird, nicht für inhaltliche Erkenntnisse.

Das ist in der Tat ein Trend. Wir tragen damit der Tatsache Rechnung, dass es in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche methodologische Fortschritte in der Ökonomie gab. Dabei haben wir allerdings ein Kommunikationsproblem: Einen Preis für eine Methode kann man einem Laien viel schwieriger erklären.

Ökonomische Forschung wird zunehmend Teamwork. Ist es überhaupt noch sinnvoll, Einzelpersonen auszuzeichnen?

Die Tendenz zu mehr Teamwork gibt es in der Tat. In den Naturwissenschaften ist dieses Phänomen aber noch viel ausgeprägter, die Ökonomie hinkt da noch etwas hinterher. Die Auswahl der Preisträger wird dadurch auf jeden Fall schwieriger. Aber bislang konnten wir das Problem immer noch lösen.

Welche Rolle spielen politische oder andere nicht-wissenschaftliche Fragen bei der Wahl der Preisträger?

Im Auswahlkomitee stellen wir uns nur eine Frage: Was sind die wichtigsten und einflussreichsten wissenschaftlichen Arbeiten. Allerdings ist die Antwort darauf ab einem bestimmten Punkt auch ein bisschen Geschmacksache.

Nehmen wir ein Beispiel: 1997 bekamen Robert Merton und Myron Scholes den Nobelpreis. Ein Jahr später hätte der Kollaps des Hedge-Fonds LTCM, der von beiden beraten wurde, fast die Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen. Hätten sie den Preis bekommen, wenn die LTCM-Krise ein Jahr eher passiert wär?

Das ist eine spannende Frage. Rein wissenschaftlich betrachtet, hatte die LTCM-Krise nichts mit den geistigen Errungenschaften von Merton und Scholes zu tun. Aber wahrscheinlich wäre es dennoch sehr schwierig gewesen, für den Vorschlag innerhalb der Schwedischen Akademie der Wissenschaften eine Mehrheit zu finden.

Bundespräsident Köhler hat beim Lindauer Nobelpreisträgertreffen an die Ökonomen appelliert, den Menschen bei ihrer Forschung nicht aus den Augen zu verlieren. Spielt dieser Aspekt bei der Preisvergabe eine Rolle?

Natürlich ist die Relevanz der Fragestellung für uns ein wichtiges Kriterium. Bislang gab es zum Beispiel keinen Preis für Umweltökonomie. Das ist ein Feld, über das wir nachdenken. Es handelt sich um ein Gebiet, das sehr wichtig ist - und das zeigt: Ökonomen kümmern sich um zentrale Probleme des menschlichen Lebens.

Betriebswirte scheinen in Sachen Nobelpreis schlechte Karten zu haben, sieht man einmal von der Unterdisziplin Finance ab. Woran liegt das?

Wenn Sie sich die verschiedenen ökonomischen Disziplinen anschauen, dann ist das ganz klar ein weißer Fleck in der Geschichte der Ökonomie-Nobelpreise. Am nächsten dran an der Betriebswirtschaftslehre lagen wir wahrscheinlich 1978 mit dem Preis für Herbert Simon, der Entscheidungsprozesse in Organisationen analysiert hat. Dass nicht mehr Betriebswirte ausgezeichnet wurden, sagt vielleicht etwas aus über die wissenschaftliche Qualität der Forschung in diesem Gebiet.

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