Nobelpreisträger Reinhard Selten
„Ökonomen wissen weniger, als man denkt“

In einer Woche wird der Nobelpreis für Ökonomie vergeben. Klar scheint, dass Reinhard Selten einziger deutscher Nobelpreisträger bleibt. Im Gespräch mit dem Handelsblatt äußert sich der Preisträger von 1994 darüber, was einen guten Wirtschaftswissenschaftler ausmacht und warum nur wenige Ökonomen die verrückten Märkte kritisieren. Dabei geht er mit seiner Zunft hart ins Gericht.
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Herr Professor Selten, in der Vergangenheit hatten Sie ja schon häufiger mal den richtigen Riecher für den nächsten Ökonomie-Nobelpreisträger. Haben Sie einen Tipp, wer es nächste Woche wird?

Nein, diesmal bin ich völlig uninformiert, tut mir leid.

Sie sind bislang der einzige deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie, woran liegt es?

Oh, ich hätte da schon jemanden im Auge, der ihn bekommen könnte, aber ich werde Ihnen den Namen nicht verraten. Ich kann nur soviel sagen, wir haben schon einige hervorragende Ökonomen in Deutschland und Europa.

Was zeichnet denn hervorragende Ökonomen aus?

Sie müssen natürlich über analytische Fähigkeiten verfügen, sie müssen aber auch bemüht sein, sich über die Realität zu informieren und in ihrem Denken diesen Dingen zu entsprechen. Sie sollten auch nicht dogmatisch sein und interdisziplinär arbeiten. Sie müssen offen sein für andere Ansätze. Ökonomen wissen viel weniger als man denkt, und auch weniger als sie selbst denken.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Manche Ökonomen sagen: Wenn Experimente Ergebnisse bringen, in denen sich die Menschen anders verhalten, als es die Ökonomie sagt, dann gehört das eben nicht zur Ökonomie. Dann ist das Psychologie. Das finde ich einen völligen Quatsch. Wenn in der Wirtschaft psychologische Dinge eine Rolle spielen, dann müssen sie auch in der Wirtschaftstheorie untersucht werden. Auch die neoklassischen Annahmen über Präferenzen sind psychologische Annahmen, nur eben schlechte.

Die Mainstream-Ökonomie, die sie schon seit 50 Jahren kritisieren, steckt nach der Finanz- und Wirtschaftskrise nun selbst in der Krise…

Vor 1929 wurde gesagt: Wir haben eine neue Ökonomie, weil wir das Fließband haben. Vor 2000 haben die Leute auch gesagt, wir haben eine New Economy. Für gute Ökonomen war es zu sehen, dass es damals verrückt zuging. Und heute ist es nicht anders.

Es gab aber nur sehr wenige, die die verrückten Märkte kritisierten. Fühlen Sie sich manchmal einsam unter den Forschern?

Mir macht das nichts aus. Ich habe meine Meinung in vielen Diskussionen vertreten und viele meiner Kollegen sind auf die Probleme mit der vollen Rationalität aufmerksam geworden und vielleicht nicht mehr ganz so naiv wie früher. Doch im Grunde ist es ja heute noch so, dass die meiste Forschung, die hier betrieben wird, auf dem Fundament der vollen Rationalität steht. Wenn auch die Theoretiker mehr und mehr ein schlechtes Gewissen dabei haben.

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  • Unsere weltweiten Erkenntnisse, unser ungeheures Wissen, aber auch unsere Erfahrungen, wären bei weitem ausreichend, selbst unsere komplexesten Probleme zu lösen. Alleine, es ist nur atomisiert vorhanden; zersplittert über eine Vielzahl durchaus kluger Menschen und Literatur, ergänzend abgeschottet in Fachbereichen ohne ausreichender interdisziplinäritäten - und gesteuert von interessen. Und zusätzlich bestimmt eben durch lang anhaltende gesellschaftliche Trends, wie derzeit einem rücksichtlosen, die Welt umspannenden Egoismus. Das ist unser generelles Problem. Alle Ansätze, und seien sie noch so sinnvoll, bleiben Makulatur. Wirken - falls überhaupt - nur langfristig, und daher immer zu spät, partiell. Denken wir nur an die "Nationalökonomie" -ihre Jahrhunderte alten Grundsätze bestimmten uns selbst heute noch in unserem Verhalten.

  • Wenn man bedenkt, wieviel Geld mit falschen Annahmen und Modellen vergeudet wird, ist es verwunderlich, warum diesem Denkansatz nicht
    mehr finanzielle Mittel zufließen.
    Einen herzlichen Gruß und alles Gute, Gesundheit und noch viele Jahre erfolgreichen Schaffens an meinen ehemaligen Lehrer.
    Hans-Jörg Marby

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