Nobelpreisträger Solow im Interview
„Geld- und Finanzpolitik sind wirksame Instrumente“

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow erklärt im Handelsblatt-Interview, warum er die Fed im Vergleich zur EZB für die bessere Notenbank hält und weshalb Zentralbanker das Vertrauen der Märkte in seltenen Fällen bewusst brechen sollten. "Es hilft nicht, immer mehr Glaubwürdigkeit aufzubauen, um dann – umgeben mit Glaubwürdigkeit – ins Grab zu gehen", betont Solow.
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Handelsblatt: Herr Professor Solow, wenn es nach Milton Friedman und seiner monetaristischen Theorie ginge, dann wären die aktivistische Geldpolitik der Federal Reserve und das Konjunkturprogramm der US-Regierung Teufelszeug.

Solow: Dazu gibt es ein schönes Bonmot: Wie lautet die amerikanische Definition für „Keynesianer“? Ein Neoklassiker, der in der Regierung sitzt. Aber im Ernst: Die neoklassische Theorie und die darauf aufbauende „Real Business Cycle“-Theorie, die technologische Schocks für Konjunkturschwankungen verantwortlich macht, geht von unrealistischen Annahmen aus. In diesen Modellen wird nicht berücksichtigt, dass es Menschen mit verschiedenen, konkurrierenden Zielen gibt, Konsumenten, Unternehmer, Arbeitnehmer. Deshalb sind auch die Ergebnisse und Politik-Empfehlungen, die man aus neoklassischen Modellen ableiten kann und die regelmäßig auf „laissez faire“ hinauslaufen, nicht tragfähig.

Was passiert, wenn man realistischere Annahmen einführt?

Dann muss man mit rigiden Löhnen und rigiden Preisen, mit Marktmacht und begrenzten Zeithorizonten der Akteure kalkulieren. Und wenn man das tut, dann stellt man fest: Geld- und Finanzpolitik sind wirksame Instrumente zur Glättung der Konjunktur.

Tun also die Federal Reserve und die US-Regierung das Richtige, um der Rezessionsgefahr zu begegnen?

Die Federal Reserve tut, was sie tun kann. Das Konjunkturprogramm der Regierung würde ich, wenn ich Schulnoten zu vergeben hätte, mit einer Zwei beurteilen. Ich hätte mehr die einkommensschwachen Bürger begünstigt, die einen zusätzlichen Dollar viel eher ausgeben als die reicheren. Man hätte zum Beispiel zeitlich befristet in der Sozialhilfe mehr Nahrungsmittelgutscheine ausgeben können. Auch eine längere Bezugsdauer der Arbeitslosenhilfe wäre sinnvoll gewesen.

Würden Sie der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen, dem Vorbild der Fed zu folgen und ebenfalls die Leitzinsen zu senken?

Die EZB hat einen klaren gesetzlichen Auftrag – sie soll sich ausschließlich um die Sicherung der Preisniveaustabilität kümmern. Die Federal Reserve dagegen soll sowohl die Inflation in Schach halten als auch für einen hohen Beschäftigungsstand sorgen. Wenn ich eine Zentralbank wählen könnte, würde ich mich für die Fed entscheiden. Mal ist das eine Ziel wichtiger, mal das andere. Ich denke, es ist gut, wenn die Notenbank sich des jeweils drängenderen Problems mit größerem Nachdruck annehmen kann. Soweit die EZB dies im Rahmen ihres Mandats kann, sollte sie das auch tun.

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