Nobelpreisträgertreffen
Wenn Titanen ratlos sind

Die Welt erlebt die tiefste Krise seit der Großen Depression - doch Ökonomie-Nobelpreisträger tun sich mit Antworten schwer

Lindau / St. Gallen Um ein Haar wäre der Mann in die oberste Führungsetage der US-Notenbank aufgestiegen - zweimal hatte Barack Obama den Ökonomie-Nobelpreisträger Peter Diamond für den geldpolitischen Ausschuss der Federal Reserve Bank nominiert, ist damit aber knapp gescheitert.

Doch selbst solchen Koryphäen fällt zur Finanzkrise und zur Lage der Weltwirtschaft wenig ein: "Es gibt im Moment große Risiken", sagt Diamond vage, als Journalisten ihn beim Ökonomie-Nobelpreisträgertreffen in Lindau fragen. Geht es etwas konkreter? Der 71-Jährige winkt ab. "Ich studiere nicht Tag für Tag den Verlauf der Konjunkturdaten, das würde zu viel Zeit kosten." Sein Rat an Europa? "Alles was ich weiß ist: Es sollte etwas unternommen werden."

Diamond ist kein Einzelfall: Die berühmtesten Ökonomen der Welt, die sich in der vergangenen Woche am Bodensee getroffen haben, hatten auf die akuten Fragen oft keine klare und erst recht keine gemeinsame Antwort.

Wenn die Laureaten überhaupt auf die tiefste Krise seit der Großen Depression eingingen, dann gaben sie unterschiedlichste und oft gegensätzliche Empfehlungen.

Edmund Phelps sprach sich für höhere Steuern in den USA aus, Robert Mundell pries niedrigere Steuern an. Roger Myerson wollte eine neue Runde quantitativer Lockerung in den USA, Joseph Stiglitz riet davon ab. Phelps und Stiglitz warnten vor den Risiken einer neuen tiefen Rezession, Robert Aumann bezeichnete die Lage der Weltwirtschaft als "ziemlich gut" und sah nur "einige Schlaglöcher auf der Straße". George Akerlof wertete das enorme Auf und Ab an den Finanzmärkten als Zeichen dafür, dass die Märkte nicht richtig funktionieren, Myron Scholes hielt die hohen Kursauschläge an den Börsen für nötig, damit sich die Finanzmärkte an die veränderten Realitäten anpassen können.

"Es ist erschütternd, wie groß die Meinungsunterschiede sind", kommentierte der US-Professor und einflussreiche Wirtschaftsblogger Mark Thoma. "Wenn man die Nobelpreisträger nach den Ursachen für die Finanzkrise fragt, bekommt man alle möglichen Antworten - viele davon widersprechen sich gegenseitig." Wie groß die Kakophonie unter den Experten ist, zeigte sich besonders bei der Abschlussdiskussion am Samstag, zu der die Laureaten und rund 360 Nachwuchsforscher von Lindau eigens an die Elite-Universität St. Gallen in die Schweiz gereist waren. Drei Nobelpreisträger und ein ehemaliger Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sprachen dort über die Finanz- und Schuldenkrise, und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hielt eine Rede zu diesem Thema.

Ein klares Fazit aber gab es nicht.

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