Notenbanken
Ökonomen warnen vor gefährlichem Tunnelblick

Die Finanzkrise stellt die bisherige Geldpolitik komplett infrage. Sollten Notenbanken neben der Inflation auch die Kreditentwicklung beobachten? Immer mehr Volkswirte warnen vor einem Tunnelblick.
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LONDON. Selten waren sich Notenbanker und Volkswirte so einig wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Eine gute Geldpolitik, die die Wirtschaft vor Krisen schützt, so der allgemeine Konsens in den Universitäten und Zentralbanken, sollte sich einzig und allein an der Inflationsrate und der Konjunkturlage orientieren.

Um Spekulationsblasen etwa bräuchten sich die Geldpolitiker gar nicht zu kümmern. Viel besser sei es, diese platzen zu lassen und anschließend zu versuchen, den Schaden für die Wirtschaft zu minimieren. Geld und Kredit, waren Volkswirte überzeugt, spielen in der Wirtschaft keine eigenständige Rolle.

Inspiriert war diese Sicht unter anderem durch die Ökonomen Franco Modigliani und Merton Miller. Sie hatten 1958 in einem theoretischen Modell gezeigt: Unter bestimmten, sehr restriktiven Annahmen ist es vollkommen egal, ob sich ein Unternehmen mit Eigen- oder mit Fremdkapital finanziert. Daher machten sich die tonangebenden Makroökonomen jahrzehntelang nicht die Mühe, den Finanzsektor in ihren Modellen überhaupt abzubilden.

Die im Sommer 2007 ausgebrochene Weltwirtschaftskrise hat dies nachhaltig in Zweifel gezogen. Immer mehr Volkswirte fragen sich, ob die bisherige Sicht der Notenbanken nicht zu eng ist. Sollten Notenbanken nicht doch auf mehr Faktoren achten als nur auf Inflation und Konjunkturlage? Sollten sie nicht proaktiv gegen Spekulationsexzesse an den Finanz- und Immobilienmärkten vorgehen?

Ein deutsch-amerikanisches Forscherteam gibt der Kritik an der bisherigen Mehrheitsmeinung neue Nahrung. Moritz Schularick von der Freien Universität Berlin und Alan Taylor von der University of California, Davis zeigen in einer jüngst veröffentlichten wirtschaftshistorischen Mammutuntersuchung für zwölf Industrieländer und die Jahre von 1870 bis 2008: Notenbanken, die sich nur auf die Inflation und Konjunktur konzentrieren, übersehen Entscheidendes und laufen Gefahr, Finanzkrisen heraufzubeschwören.

Auf welche Größen aber sollen die Notenbanken konkret schauen? Monetaristisch geprägte Ökonomen, die in der Tradition Milton Friedmans stehen, pochen stets auf die Geldmenge. Diese habe eine übergeordnete Bedeutung für die Stabilität von Finanzsystem und Gesamtwirtschaft. Wenn zu viel Geld im Umlauf sei, führe dies entweder zu einer Inflation der Verbraucher- oder der Vermögenspreise, was die Wirtschaft destabilisiere. Eine berühmte Arbeit von Milton Friedman und Anna Schwartz aus dem Jahr 1968 lieferte am Beispiel der US-Wirtschaft seit 1867 empirische Belege für diese These.

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Kommentare zu " Notenbanken: Ökonomen warnen vor gefährlichem Tunnelblick"

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  • Wann mag der Unfug mit den "Noten"banken aufhören? Wir haben es heutzutage mit Zentralbanken zu tun. Diese zahlen keine banknoten aus, sondern Geldscheine.
    Früher gab es Notenbanken, die banknoten ausgaben, nach der Ausgabe hatten die Notenbanken bei den jeweiligen banknotenhaltern Geldschulden.
    Wenn eine Zentralbank Geldscheine auszahlt, dann hat sie keine Geldschulden bei den Geldscheinhaltern. Der Geldscheinhalter hält das Geld bereits in seinen Händen, logisch, daß er keine Geldforderung mehr an die Zentralbank hat.

  • Wenn jetzt noch der Zins und Zinseszins als Ursache für den Anstieg des Kreditvolumens aufgeführt würden, käme man dem Problem schon recht nahe.

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