Nouriel Roubini im Interview
„Die EZB unterschätzt die Krise“

Lange Zeit galt Nouriel Roubini als Sonderling unter den amerikanischen Ökonomen, heute ist er einer der Stars. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Auswirkungen und Dauer der Finanzkrise und erklärt, warum die europäischen Zentralbanker unterschätzen, wie sehr die Krise Europa beeinträchtigen wird.
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Herr Roubini, jeder will derzeit vor allem eines wissen: Wann geht es wieder aufwärts?

Was die wirtschaftliche Erholung angeht, bin ich skeptischer als die meisten. Ich gehe nicht davon aus, dass die Nachfrage vor Ende des Jahres anzieht. Und dann wird die Erholung eine geringe Dynamik haben. Immerhin: besser als der freie Fall.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Die Globalisierung wird nicht aufhören, Länder wie China und Indien werden weiter integriert. Es mag sich eine Zeitlang abschwächen, doch der Prozess intensiverer Handelsbeziehungen zwischen den ökonomisch reifen Ländern und den Schwellenländern sowie unter den Entwicklungsländern selbst kehrt sich nicht um.

An dieser Stelle kommen die Buchstaben ins Spiel: Zuerst sind Sie von einem andauernden Tal ausgegangen, symbolisiert durch ein "U". Zwischendrin hatten sie sogar eine lang anhaltende Krise ("L") befürchtet. Zuletzt rechneten Sie mit einem "W" - relativ schnelle Erholung, gefolgt von einem baldigen Rückschlag. Bleiben Sie dabei?

Die gute Nachricht ist, dass etwas passiert. Die vielen staatlichen Finanzhilfen wirken. Wir stehen vor einer Bodenbildung, haben die allerdings noch nicht erreicht. Ich bleibe deshalb beim "U". Das Problem ist: Sobald die Wirtschaft sich erholt, wird das ganz schwach passieren, weit unter den potenziellen Wachstumsraten. Geht man für die USA sonst von einer Wachstumsrate von 2,75 bis 3,0 Prozent jährlich aus, sehe ich den Durchschnitt für die nächsten Jahre eher bei einem Prozent. Liegen die üblichen Raten in Europa und Japan bei zwei Prozent, erwarte ich ein Wachstum zwischen null und einem Prozent.

Für welchen Fall befürchten Sie einen Rückschlag, der aus dem "U" ein "W" macht?

Schnell anziehende Energiepreise, vor allem für Öl, könnten nach einer schwachen Erholung den berüchtigten "Double-Dip" bewirken, der einem Aufschwung die Flügel stutzen würde. Fundamental sind die Engergiepreise nicht zu begründen. Offenbar geht ein Großteil der Liquidität in Commodities. Vergangenes Jahr hat der hohe Ölpreis mit dazu beigetragen, dass die globale Wirtschaft in die Rezession gestürzt ist. Die Menschen sprechen über Subprime-Kredite, Hauspreise und die Pleite von Lehman-Brothers als Ursachen, vergessen aber, wie wichtig der Hochstand beim Ölpreis von 145 Dollar pro Barrel Rohöl war.

Ab wann wird es erneut kritisch?

Ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel könnte in einer schwachen Wirtschaftslage ein Schock sein. Dazu kommen die Folgen des vielen Geldes, das die Staaten in die Märkte pumpen. Kurzfristig gab es keine Alternative zu schuldenfinanzierten Hilfsprogrammen und niedrigen Zinsen - sonst hätte ein völliger Kollaps des Finanzsystems auf die reale Wirtschaft übergegriffen. Allerdings wird jetzt, nachdem das Schlimmste hoffentlich hinter uns liegt, der Zwang zur Konsolidierung der Haushalte immer größer. Liquidität muss kommendes Jahr wieder reduziert werden, sonst droht uns zukünftig eine Inflation.

Reagieren die Politiker angemessen auf die Gefahr?

Sie sprechen darüber, wie FED-Präsident Bernanke und US-Finanzminister Geithner. Aber bislang haben die USA nichts getan. Es gibt nicht einmal eine ernsthafte Diskussion darüber, wie eine fiskalische Konsolidierung aussehen könnte. Werden Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen bevorzugt? Entscheidend neben der Glaubwürdigkeit ist nicht zuletzt das Timing. Das ist ziemlich heikel: Reagiert die Politik zu spät, verschärfen sich die Inflationsrisiken immer weiter. Erhöht sie zu schnell die Steuern und fährt die Ausgaben zu weit zurück, droht eine lang anhaltende Rezession nach japanischem Muster.

Was muss passieren?

Jedem ist bewusst, dass die Kreditlasten zu hoch sind, aber niemand tut etwas. Die privaten Haushalte in den USA bleiben hoch verschuldet durch Kredite für Autos, Häuser und Kreditkarten. Die Unternehmen und die Banken drücken ebenfalls hohe Schulden.

Dafür springt der Staat immer öfter bei notleidenden Unternehmen ein...

...obwohl es unter dem Strich nichts ändert, wenn Verluste von Unternehmen sozialisiert und auf den Staat übertragen werden. Die Überschuldung führt dazu, dass die Konsumenten nichts ausgeben. Das Finanzsystem bleibt beschädigt. Trotz der Entlastung der Banken gibt es noch das Problem toxischer Papiere und mangelnden Eigenkapitals. Die Banken sind sich unsicher über die Risiken neuer Schuldner und halten sich deshalb mit Krediten zurücken. Das limitiert die Investitionen.

Welche Konsequenzen droht den Unternehmen?

Wächst die Wirtschaft wie erwartet langsam, steigen die Umsätze nur in geringem Maße. Langfristig gibt es die Gefahr der Inflation, kurzfristig ist aber das Risiko der Deflation deutlich höher. Damit haben die Unternehmen kaum Chancen, ihre Preise durchzusetzen. Schwache Umsätze bei geringen Preisen drücken auf die Gewinnmargen. Dadurch erholen sich die Erträge langsamer als erwartet. In der Folge bleiben Investitionen in Produktionsanlagen und Mitarbeiter aus. Das würde den Aufschwung belasten.

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