Objektivität von Medien
Verzerrte Welt

Wie neutral berichten Medien? Ökonomen haben auf diese Frage eine Reihe erstaunlicher Antworten zutage gefördert. So zeigen Studien: Medien starke wirtschaftliche Anreize, vor allem ihren Lesern und weniger ihren Anzeigenkunden nach dem Mund zu reden. Und US-Präsident George Bush hat seinen Wahlsieg im Jahr 2000 vermutlich verzerrten Medienberichten zu verdanken.
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Als der Medienmagnat Rupert Murdoch im Sommer seine Finger nach dem Wirtschaftsverlag Dow Jones und dem "Wall Street Journal" ausstreckte, sorgte er für eine Welle des Protests. Journalisten legten ihre Arbeit nieder, vor der Redaktion des "Journals" in New York kam es zu bizarren Demonstrationen: Linke Aktivisten riefen dazu auf, die "Bibel des Kapitalismus" vor den Fängen Murdochs zu schützen.

Die Proteste sind nur das jüngste Beispiel für die Sorgen, die Verlagsübernahmen wecken können. Aber wie berechtigt sind diese Ängste? Diese Frage beschäftigt seit einigen Jahren zunehmend auch Wirtschaftswissenschaftler. Vor allem in den Vereinigten Staaten untersuchen immer mehr Ökonomen das Thema "media bias", also die angebliche oder tatsächliche Befangenheit von Medien.

Wie unabhängig und überparteilich amerikanische Tageszeitungen berichten, haben zum Beispiel die Ökonomen Jesse Shapiro und Matthew Gentzkow von der University of Chicago unter die Lupe genommen. Sie analysierten ein Jahr lang die Berichterstattung in 417 US-amerikanischen Zeitungen. Dabei versuchten die beiden zunächst, die Tendenz eines Blattes daran zu messen, ob es sich die Sprache der Republikaner oder die der Demokraten zu eigen macht - also etwa vom "globalen Krieg gegen den Terrorismus" (Republikaner) berichtet oder vom "Krieg im Irak" (Demokraten).

In einem zweiten Schritt verglichen die Forscher ihr Ergebnis zur Ausrichtung der Zeitung mit den politischen Einstellungen ihrer Leser und der Eigentümer. Das Resultat: "Starke ökonomische Anreize sind für die Tendenz einer Zeitung verantwortlich", sagt Shapiro, "nicht die Ideologie ihres Verlegers."

Hinter diesen wirtschaftlichen Triebkräften stecken aus Sicht Shapiros nicht in erster Linie zahlungskräftige Anzeigenkunden. Entscheidend seien vor allem die Konsumenten, die nur dann zu einer Zeitung greifen, wenn sie mit ihrer Ausrichtung einverstanden sind - oder eben ein Abonnement abbestellen, wenn ihnen die Ausrichtung eines Blattes nicht mehr gefällt.

Eine Zeitung, die von vielen Kirchgängern gelesen werde, ist in der Regel konservativer, stellte Shapiro fest. In Gegenden, in denen eher linksgerichtete Menschen leben, ist es dagegen wahrscheinlicher, Zeitungen mit ähnlicher Orientierung vorzufinden. Über die Tendenz gelingt es den Zeitungen, ihre Leser zu halten und Profite zu maximieren.

Für das Wall Street Journal bedeutet das: Wenn Neu-Eigentümer Murdoch spürbar in die Berichterstattung eingreifen sollte, liefe er Gefahr, Leser zu vergraulen. "Wenn sich die Besitzverhältnisse einer Zeitung ändern hat diese Tatsache allein keinen Einfluss auf ihren Einschlag", meint Forscher Shapiro. Anders könnten die Dinge allerdings liegen, wenn mit dem Wechsel des Verlegers auch Stellenstreichungen oder Umstrukturierungen einhergehen.

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