Ökonomen: Auf der Jagd nach Zahlen-Fälschern

Ökonomen
Auf der Jagd nach Zahlen-Fälschern

Mit einem lange vergessenen mathematischen Gesetz wollen Ökonomen Kollegen überführen, die in wissenschaftlichen Studien Daten manipuliert haben. Denn längst nicht alle Wirtschaftswissenschaftler sind ehrlich - und die Anreize für Betrüger sind groß.
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DÜSSELDORF. Einige Ökonomen dürften mächtig kalte Füße bekommen haben, als sie vor einigen Wochen den "German Economic Review" aufschlugen. In der Fachzeitschrift fand sich ein Artikel mit delikatem Inhalt: Mogelnde Kollegen. Mit einem lange vergessenen mathematischen Gesetz wollen die Urheber der Studie Datenmanipulateuren auf die Schliche kommen.

Der Autor des Artikels, Karl-Heinz Tödter vom Forschungszentrum der Deutschen Bundesbank, hatte sich die Ergebnisse von 117 volkswirtschaftlichen Arbeiten genauer angesehen, die in den letzten Jahren in zwei renommierten Fachblättern erschienen waren. Jede von ihnen enthielt lange Zahlenkolonnen, die die Stärke und die Eindeutigkeit von statistischen Zusammenhängen belegen. Tödter überprüfte ihre Plausibilität mit dem sogenannten Benford-Test - einer simplen, aber wirkungsvollen mathematischen Prüfmethode. Bei jedem fünften Artikel fanden sich verdächtige Ungereimtheiten in nennenswertem Ausmaß.

Hohe Anreize für Fälscher

Tödters Untersuchung liefert damit neuen Zündstoff für die Debatte um die Qualitätskontrolle in der Wissenschaft. Vor allem in den Naturwissenschaften haben in den letzten Jahren immer wieder Manipulationen für Schlagzeilen gesorgt. Im Jahr 2005 flog der südkoreanische Klonforscher Hwang Woo Suk auf, der vorsätzlich Daten gefälscht hatte. Und vor wenigen Wochen trat der Vizepräsident der ETH Zürich, der Chemiker Peter Chen, zurück, weil Forscher seiner Arbeitsgruppe vor zehn Jahren Ergebnisse manipuliert hatten.

Auch in der Wirtschaftswissenschaft sind die Anreize für Fälscher hoch: Publikationen in Topjournalen werden für die Karriere von Wissenschaftlern immer wichtiger. Gleichzeitig nehmen die wenigsten Zeitschriften Studien an, die zu einem "Nichtergebnis" kommen - die also feststellen, dass es zwischen zwei Größen eben keinen eindeutigen Zusammenhang gibt.

Hilflos ausgeliefert ist die Wissenschaft den Fälschern aber nicht - das ist die Botschaft von Tödter. Mit den Mitteln der modernen Statistik lassen sich viele Manipulationen entlarven, zeigt der Wissenschaftler in seinem Aufsatz. Tödters Verfahren basiert auf einem statistischen Gesetz, das der amerikanische Physiker Frank Benford schon 1938 entdeckte: Zufällig verteilte Zahlen beginnen im Mittel deutlich öfter mit kleinen Ziffern als mit großen - und nicht, wie man intuitiv vielleicht annehmen würde, mit allen Ziffern gleich oft.

Schon im 19. Jahrhundert hatte der Physiker Simon Newcomb dies vermutet - Benford war der Erste, dem dafür der Nachweis gelang. Wie besessen sammelte Benford alle Daten, derer er habhaft werden konnte - von Baseballergebnissen über die Längen von Flüssen bis hin zu Hausnummern aus dem Telefonbuch.

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