Ökonomen
Ludwig Erhard wird überschätzt

Die Sucht nach Konsensfindung zeige sich selbst bei den Ökonomen, lästerte vor Jahren einmal der „Economist“. Die meisten seien Anhänger derselben Denkschule – und in politischen Fragen sowieso immer einer Meinung. Eine neue Studie wollte dies genauer wissen und hat rund 750 Ökonomen befragt.
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DÜSSELDORF. Die Forscher Friedrich Schneider (Universität Linz), Bruno Frey und Silke Humbert (beide Universität Zürich) wollten das genauer wissen und befragten rund 750 Kollegen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Ergebnis: Zwar rechnen sich tatsächlich die weitaus meisten den liberalen Denkschulen zu, allerdings fächern sie sich dabei auf drei starke Fraktionen auf.

So findet die Neoklassik mit 42 Prozent die größte Zustimmung. Ihre Anhänger gehen in ihren Analysen stets von rationalen Akteuren und funktionierenden Märkten aus. Unter den Universitätsdozenten ist der Anteil noch deutlich größer, unter den Volkswirten in Behörden und Unternehmen dagegen kleiner.

Ähnlich beliebt ist die Public-Choice-Theorie, deren Vertreter politische und gesellschaftliche Fragen mit ökonomischen Methoden analysieren. Auch der Ordoliberalismus – eine vor allem von deutschsprachigen Ökonomen geprägte Form des Neoliberalismus – kommt auf immerhin ein Viertel. Überdurchschnittlich viele der Anhänger sind über 55 Jahre alt.

Bei der Frage, welche Forscher die Ökonomie mit ihren Arbeiten besonders vorangebracht haben, liegt der jüngst verstorbene Paul Samuelson mit fast 90 Prozent vorne. Knapp dahinter folgen John Maynard Keynes und Milton Friedman. „Keynes' persönlicher Beitrag zur heutigen VWL findet große Anerkennung – die Denkschule, die er begründet hat, dagegen kaum“, schreiben die Autoren.

Schlecht kommt der ordoliberale Altkanzler Ludwig Erhard weg. Nur 24 Prozent halten seinen Beitrag zur Ökonomie für nennenswert. Insgesamt kommt Personenkult immer mehr aus der Mode: Während sich Volkswirte über 55 oft noch als Anhänger eines bestimmten Forschers sehen, nimmt diese Zahl bei den Jüngeren rapide ab.

Homo Oeconomicus bleibt beliebt

Zwei Drittel der Befragten glauben nicht, dass das Modell des sich stets egoistisch und rational verhaltenden Menschens – des Homo Oeconomicus – überholt sei. Ob sich dieser Wert durch die Erfahrungen der Krise möglicherweise ändern wird, will Friedrich Schneider im Herbst 2010 erfragen. „Schließlich sind die Modelle dadurch ja fundamental ins Wanken gekommen.“

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